Vertikale Navigation (VNAV)

Aviation Flight Management Automation Airspace

Vertikale Navigation (VNAV): Steuerung des vertikalen Flugwegs im Flugbetrieb

Definition und Überblick

Vertikale Navigation (VNAV) ist eine zentrale Funktion moderner Flugzeugavionik, die den vertikalen Flugverlauf eines Flugzeugs in allen Flugphasen automatisch steuert und optimiert. VNAV arbeitet eng mit dem Flight Management System (FMS) zusammen und berechnet kontinuierlich die effizientesten Höhen, Vertikalgeschwindigkeiten und Übergangspunkte, um die erforderlichen behördlichen, betrieblichen und luftraumspezifischen Beschränkungen einzuhalten. Durch die Integration von VNAV mit der Lateralen Navigation (LNAV) kann das Flugzeug einer dreidimensionalen (3D) Flugbahn – vertikal und lateral – entlang der geplanten Route folgen. In Umgebungen, in denen Required Navigation Performance (RNP) und Performance-Based Navigation (PBN) vorgeschrieben sind, unterstützt VNAV eine vierdimensionale (4D) Navigation, indem es Zeitvorgaben an Wegpunkten einbezieht.

VNAV ermöglicht die präzise Ausführung komplexer vertikaler Profile, wie sie in Standardinstrumentenabflügen (SIDs), Standardanflugrouten (STARs) und Instrumentenanflugverfahren vorkommen, unter Einhaltung von Beschränkungen wie Überflughöhen und vorgeschriebenen Geschwindigkeiten. Das System nutzt Verfahrensdaten, Echtzeit-Sensoreingaben (barometrische und GPS/SBAS-Höhen, Umweltdaten) sowie Piloten- oder ATC-Eingaben. Die Integration von VNAV mit dem Autopiloten (zur Nicksteuerung) und dem Schubregelsystem (zur Schubsteuerung) erlaubt automatisierte Steig-, Sink- und Horizontalflugphasen – unerlässlich für effiziente und sichere Navigation in dichtem, leistungsabhängigem Luftraum.

Mit dem weltweiten Trend zu trajectory-based operations (TBO), kontinuierlichen Sinkflügen (CDO) und kontinuierlichen Steigflügen (CCO) ist VNAV unverzichtbar, um einen präzisen, wiederholbaren und für Treibstoff, Lärm und Luftraumoptimierung optimierten vertikalen Flug sicherzustellen.

VNAV-Systemarchitektur

Im Kern ist VNAV tief in die Architektur des Flight Management System (FMS) eingebettet. Das VNAV-Teilsystem interagiert mit:

  • Flugzeugleistungsmodellen: Berechnen dynamisch Steig-, Reise- und Sinkflugfähigkeiten unter Berücksichtigung von Gewicht, Schwerpunkt, Schub, Luftwiderstand und Umweltveränderungen.
  • Navigationsdatenbanken: Enthalten Wegpunkte, Luftstraßen, SIDs, STARs, Anflugverfahren und eingebaute Beschränkungen, die regelmäßig aktualisiert werden, um die Einhaltung der neuesten Verfahren sicherzustellen.
  • Sensoreingaben: Barometrische und GPS/SBAS-Höhenmesser, Luftdatenfühler (für Wind, Temperatur), die Echtzeitdaten zur vertikalen Position liefern.
  • Piloten-Eingaben: Ermöglichen die manuelle Eingabe oder Änderung von Beschränkungen, die Auswahl von Zielhöhen und das Geschwindigkeitsmanagement.
  • Umweltdaten: Umfassen vorhergesagte und beobachtete Winde, Temperaturen und lokalen Luftdruck (QNH), die alle in die Berechnung des vertikalen Flugwegs einfließen.

Der VNAV-Ausgang besteht aus Echtzeit-Kommandos an Autopilot und Schubregelsystem und stellt so sicher, dass das Flugzeug dem berechneten vertikalen Flugweg folgt. Diese hochgradig vernetzte Architektur ermöglicht es VNAV, die Lücke zwischen behördlichen Anforderungen, Flugzeugleistung und Pilotenabsichten zu schließen.

Zentrale Konzepte und Begriffsdefinitionen

Für das Verständnis von VNAV sind einige Schlüsselbegriffe wichtig:

BegriffDefinition
VertikalprofilDie Abfolge geplanter Höhen und Geschwindigkeiten entlang der Flugroute.
VNAV-Pfad (VPTH)Die berechnete vertikale Flugbahn, z. B. ein Steig- oder Sinkflug mit konstantem Winkel, der Beschränkungen verbindet.
BeschränkungVorgeschriebene Vorgaben an bestimmten Wegpunkten für Höhe oder Geschwindigkeit.
HöhenvorwahlCockpitbedienelement, mit dem Piloten die nächste Zielhöhe einstellen können.
SchubautomatikAutomatisierung zur Anpassung des Triebwerksschubs, um die von VNAV vorgegebenen Geschwindigkeiten zu halten.
SubmodiVNAV-Logik, die für verschiedene Flugphasen angepasst ist (z. B. VCLB für Steigflug, VPTH für Pfad).
Performance-PfadEin Sinkflug, der für geringen Treibstoffverbrauch optimiert ist, typischerweise mit Leerlaufschub und konstantem Winkel.
Geometrischer PfadEin durch einen festen geometrischen Winkel definierter Pfad, oft bei Anflügen genutzt.
Baro-VNAVVNAV-Modus, der barometrische Höhenmessung nutzt – geeignet für Nicht-Präzisionsanflüge.
GPS/SBAS-VNAVVNAV mit GNSS (und SBAS-Korrekturen) für hochpräzise vertikale Führung.
Top of Descent (TOD)Der berechnete Punkt, an dem der Sinkflug für optimale Wegführung begonnen werden soll.
Level SegmentZeitweilige Höhenhaltung, um Beschränkungen oder Geschwindigkeitsreduzierungen einzuhalten.

VNAV-Betriebsphasen

VNAV passt seine Logik an jede Phase des Fluges an:

Start und Anfangssteigflug

Die Aktivierung von VNAV erfolgt in der Regel nach Erreichen einer sicheren Höhe nach dem Start. Das System steuert dann den Übergang in den Steigflug und setzt die anfänglichen Beschränkungen und Geschwindigkeitsvorgaben der Abflugprozedur um.

Steigflug

Im VCLB-Modus steuert VNAV den Steigflug, optimiert Geschwindigkeit und Steigrate zur Einhaltung von Beschränkungen und fügt, wenn nötig, Level-Offs gemäß SID oder ATC ein. Die Höhenvorwahl verhindert ein Übersteigen der freigegebenen Höhe.

Reiseflug

VNAV hält die Reiseflughöhe im VALT- oder ALT HOLD-Modus und passt Geschwindigkeit sowie eventuelle Step Climbs oder Descents je nach Gewicht und Luftraum an.

Sinkflug

Im VPTH-Modus berechnet VNAV den TOD und steuert einen sanften Sinkflug, typischerweise mit Leerlaufschub und konstantem Winkel, angepasst an Wind, Temperatur und Beschränkungen. Level Segmente werden bei Bedarf eingefügt.

Anflug

Für den Anflug (VGP- oder VSBA-Modus) stellt VNAV die Einhaltung des veröffentlichten Sinkflugwinkels und der Step-Down-Fixes sicher und unterstützt fortschrittliche Führungen wie LPV oder LNAV/VNAV mit hoher Präzision.

Durchstarten

Beim Go-Around wechselt VNAV in die Steigfluglogik und steuert einen sicheren Steigflug auf die veröffentlichte Durchstartflughöhe.

VNAV-Flugwegkonstruktion

VNAV konstruiert vertikale Flugwege systematisch durch Integration von Beschränkungen und Flugzeugleistung:

Beschränkungstypen

  • At Altitude: Überflug auf einer bestimmten Höhe.
  • At or Above/Below: Überflug nicht unter/über einer bestimmten Höhe.
  • Window Constraint: Überflug zwischen zwei Höhen.
  • Geschwindigkeitsbeschränkung: Einhaltung von Geschwindigkeitslimits an Wegpunkten.
  • Kombiniert: Höhe und Geschwindigkeit an demselben Wegpunkt.

Pfadtypen

  • Performance-Pfad: Optimiert auf Treibstoff, mit Leerlaufschub und konstantem Sinkwinkel.
  • Geometrischer Pfad: Strikter geometrischer Winkel, besonders bei Anflügen wichtig.

Beispielberechnung

  1. Ankerpunkt ist die Landebahn oder der letzte Fix.
  2. Anwendung des vertikalen Winkels rückwärts durch die Beschränkungen.
  3. Anpassung für Level Segmente an Beschränkungen.
  4. Berechnung des TOD auf Basis der Reiseflughöhe und des Sinkwinkels.
  5. Einfügen von Geschwindigkeitsreduzierungen und Verzögerungssegmenten nach Bedarf.
  6. Anpassung für Umweltfaktoren.

Beispieltabelle:

WegpunktBeschränkungGeschwindigkeitEntfernungPfadtyp
RWY34Auf 2.200 ft140 kt0 nmEndanflug
BUCKKAuf 2.200 ft160 kt4 nmLevel/Geometrisch
NEEALMind. 5.000 ft220 kt20 nmGeometrisch
OLMMax. 12.000 ft250 kt45 nmLevel/Performance
T/DReiseflug (FL350)290 kt90 nmPerformance

VNAV-Automatisierungslogik und Steuerungsgesetze

VNAV arbeitet mit fortschrittlichen Steuerungsgesetzen:

Submodi

  • VCLB: Steigflugmanagement.
  • VALT/VASL: Höhenhaltung/Level Segment.
  • VPTH: Sinkflug entlang berechnetem Pfad.
  • VGP: Geometrischer Anflugpfad.
  • VSBA: Satellitengestützter vertikaler Pfad.

Moduswechsel

Wechsel werden durch Position, Höhenvorwahl, Pilotenbefehl oder Flugphase ausgelöst. Nicht alle Wechsel werden klar angezeigt, daher ist Pilotenaufmerksamkeit unerlässlich.

Integration von Autopilot und Schubautomatik

VNAV liefert Nickbefehle an den Autopiloten sowie Geschwindigkeits-/Schubbefehle an die Schubautomatik, damit das Flugzeug auf dem vertikalen Flugweg bleibt.

Herstellerabhängige Logikunterschiede

  • Boeing: Deutliche VNAV-Submodi, klare Anzeige, aber Warnungen wie „UNABLE NEXT ALT“ müssen beachtet werden.
  • Airbus: Nutzt den „PROF“-Modus, kann Ziele dynamisch anpassen.
  • Honeywell (EASy): Detaillierte Anzeige der Submodi und erweiterte Beschränkungslogik.

Piloteninteraktion und Anwendungsfälle

Programmierung von Beschränkungen

Piloten nutzen die FMS CDU/MCDU zur Eingabe von Wegpunkten und zugehörigen Beschränkungen, zur Geschwindigkeitsvorgabe und zur Steuerung der Höhenvorwahl. VNAV berechnet Flugwege bei Änderungen sofort neu.

Überwachung der Ausführung

Piloten überwachen vertikale Abweichungsanzeigen, Modusanzeigen und FMS-Meldungen, um die Einhaltung des Flugwegs und der Beschränkungen sicherzustellen.

Reaktion auf ATC

Erteilt die Flugsicherung neue Freigaben, aktualisieren Piloten FMS und Höhenvorwahl unmittelbar. VNAV passt sich an, ggf. ist aber ein Eingreifen mit Speedbrakes oder manuellem Vertikalgeschwindigkeitsmodus nötig, falls Bedingungen abweichen.

Human Factors und Fehlerszenarien

Schnittstelle und Modusverwirrung

  • Uneindeutige Eingaben: Eine einzelne VNAV-Taste kann je nach Kontext unterschiedliche Modi aktivieren.
  • Modusanzeige: Nicht alle Wechsel werden klar dargestellt.
  • Automationsüberraschungen: Moduswechsel durch Umwelt- oder Beschränkungskonflikte sind nicht immer offensichtlich.

Häufige Fehler

  • Falsches Verständnis aktiver Beschränkungen.
  • Übersehen von Moduswechseln, was zu verpassten Restriktionen führt.
  • Zu große Abhängigkeit von VNAV zulasten manuellen Situationsbewusstseins.

Praktische Anwendungen und Branchentrends

VNAV ist entscheidend für:

  • Trajectory-Based Operations (TBO): Ermöglicht präzise, vorhersehbare vertikale Profile im dichten Luftraum.
  • Treibstoffoptimierung: Unterstützt kontinuierliche Steig-/Sinkflüge für geringeren Treibstoffverbrauch.
  • Lärmschutz: Ermöglicht optimierte Flugprofile für Umweltauflagen.
  • PBN und RNP: Erfüllt fortschrittliche Navigationsanforderungen für globale Interoperabilität.

Zusammenfassung

Vertikale Navigation (VNAV) ist eine Schlüsseltechnologie der modernen Luftfahrt. Sie ermöglicht die automatisierte Steuerung vertikaler Flugwege für Effizienz, Sicherheit und Regelkonformität. Durch die Integration mit FMS, Autopilot und Schubautomatik sowie flexible Piloteninteraktion und robuste Automatisierungslogik ist VNAV im heutigen komplexen Luftraum und Betriebsumfeld unverzichtbar.

VNAV in modern cockpit

Der korrekte Einsatz von VNAV erfordert ein tiefes Verständnis seiner Architektur, Betriebslogik und möglicher Fallstricke. Mit den laufenden Fortschritten in Avionik und Navigationsstandards bleibt VNAV an der Spitze der Flugautomatisierung und des Luftraummanagements.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist Vertikale Navigation (VNAV) in der Luftfahrt?

Vertikale Navigation (VNAV) ist eine Avioniksystemfunktion, die die Verwaltung des vertikalen Flugwegs eines Flugzeugs automatisiert. VNAV ist in das Flight Management System (FMS) integriert und berechnet und steuert optimale Höhen, Vertikalgeschwindigkeiten und Übergänge während aller Flugphasen, um die Einhaltung betrieblicher, behördlicher und luftraumbezogener Vorgaben sicherzustellen.

Wie interagiert VNAV mit Autopilot- und Schubregelsystemen?

VNAV sendet Steuersignale an den Autopiloten des Flugzeugs zur Steuerung von Nickwinkel und Vertikalgeschwindigkeit sowie an das Schubregelsystem zur Verwaltung des Triebwerksschubs. Diese Integration ermöglicht automatisierte Steig-, Sink- und Horizontalflugphasen und hält den berechneten vertikalen Flugweg mit Echtzeitanpassungen für Umweltfaktoren und betriebliche Anforderungen ein.

Was sind typische VNAV-Beschränkungen?

VNAV-Beschränkungen umfassen vorgeschriebene Höhen (genau, mindestens, höchstens oder innerhalb eines Fensters), Geschwindigkeitsbegrenzungen sowie kombinierte Höhen-/Geschwindigkeitsvorgaben an bestimmten Wegpunkten. Diese stammen aus Navigationsdatenbanken, behördlichen Verfahren oder Eingaben von Piloten/Flugsicherung und sind grundlegend für die Erstellung eines sicheren und regelkonformen vertikalen Flugwegs.

Wie berechnet VNAV den Top of Descent (TOD)?

VNAV berechnet den Top of Descent (TOD), indem es einen kontinuierlichen Sinkflugpfad – meist mit Leerlaufschub und konstantem Winkel – von der niedrigsten erforderlichen Überflugbeschränkung oder der Landebahnschwelle rückwärts zur Reiseflughöhe projiziert und dabei Geschwindigkeits- und Höhenbeschränkungen, Wind und Flugzeugleistung berücksichtigt.

Was sind häufige Ursachen für VNAV-bezogene Fehler?

Häufige Fehler sind das Missverstehen aktiver Beschränkungen, das Übersehen von VNAV-Moduswechseln (z. B. von Pfad- auf Geschwindigkeitsmodus) oder ein zu großes Vertrauen in die Automatisierung zulasten des Situationsbewusstseins. Dies kann zu verpassten Höhen- oder Geschwindigkeitsbeschränkungen führen und erfordert eine aufmerksame Überwachung und ggf. ein Eingreifen durch die Piloten.

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