Ausweichflugplatz

Aviation Flight Planning Regulations IFR

Ausweichflugplatz: Definition, Anforderungen und bewährte Verfahren im Flugbetrieb

Einführung

Ein Ausweichflugplatz ist ein Grundpfeiler der Flugsicherheit und stellt sicher, dass Piloten eine geeignete Ausweichmöglichkeit haben, falls sie am primären Ziel nicht landen können. Dieser umfassende Leitfaden behandelt das Konzept, die regulatorischen Rahmenbedingungen (ICAO, FAA, EASA), Typen, Anforderungen, Ausnahmen, praktische Überlegungen und bewährte Verfahren für die Auswahl und Dokumentation von Ausweichflugplätzen.

Was ist ein Ausweichflugplatz?

Ein Ausweichflugplatz ist ein im Flugplan festgelegter Flughafen, zu dem ausgewichen werden kann, falls eine Landung am geplanten Ziel unmöglich oder nicht ratsam ist. Dieses Konzept ist in internationalen Luftfahrtvorschriften verankert und ein zentraler Bestandteil des Risikomanagements für alle IFR-Flüge (Instrumentenflugregeln).

Wichtige Punkte:

  • Bietet eine sichere, vorgeplante Option bei schlechtem Wetter, Flughafenschließungen oder Notfällen.
  • Erforderlich für die Einhaltung von Vorschriften und Kraftstoffplanung.
  • Wird nicht automatisch durch die Flugsicherung (ATC) zugewiesen; der verantwortliche Pilot wählt das Ausweichziel bei Bedarf in Echtzeit.

Regulatorischer Rahmen der ICAO

Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) legt globale Standards für Ausweichflugplatz-Anforderungen in Anhang 6 des Abkommens über die internationale Zivilluftfahrt fest.

Kernpunkte:

  • Für IFR-Flüge muss mindestens ein geeigneter Ausweichflugplatz im betrieblichen und ATS-Flugplan angegeben werden, sofern keine Ausnahmen zutreffen.
  • Ausnahmen: Kein Ausweichflugplatz erforderlich, wenn mit „hinreichender Sicherheit“ gutes Wetter (Sichtflugbedingungen, VMC) zum Zeitpunkt der Ankunft (ETA) und für einen angemessenen Zeitraum davor und danach erwartet wird.
  • ICAO unterscheidet zwischen Start-, Strecken- und Zielausweichflugplätzen mit jeweiligen Anforderungen für jede Phase.

Quelle: ICAO Annex 6, Part I, Section 4.3.4.3

FAA-Vorschriften

Die Federal Aviation Administration (FAA) regelt die Anforderungen an Ausweichflugplätze durch 14 CFR Part 91.169 sowie das Aeronautical Information Manual (AIM).

US-Schlüsselregeln:

  • Für IFR-Flüge ist ein Ausweichflugplatz erforderlich, sofern nicht im Zeitraum 1 Stunde vor bis 1 Stunde nach ETA am Ziel eine Wolkenuntergrenze von mindestens 2.000 Fuß und eine Sicht von mindestens 3 statute miles vorhergesagt sind („1-2-3-Regel“).
  • Werden diese Mindestwerte nicht erreicht, muss der Flugplan einen geeigneten Ausweichflugplatz mit den erforderlichen Wetterbedingungen zur ETA enthalten.
  • Startausweichplatz erforderlich, wenn das Wetter am Abflugort unter den Lande-Mindestwerten liegt.
  • Streckenausweichplätze werden bei Langstrecken- oder ETOPS-Flügen berücksichtigt.

Quelle: FAA AIM 5-1-9 , 14 CFR 91.169

EASA-Vorschriften

Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) setzt Anforderungen an Ausweichflugplätze gemäß Verordnung (EU) Nr. 965/2012, insbesondere Part-CAT, durch.

EASA-Schwerpunkte:

  • Zielausweichplatz ist für alle IFR-gewerblichen Flüge erforderlich, sofern nicht mit hinreichender Sicherheit VMC zur ETA herrscht oder zu einem isolierten Flugplatz geflogen wird.
  • Zwei Ausweichflugplätze sind erforderlich, wenn sowohl am Ziel als auch am ersten Ausweichflugplatz Wetter unter den Mindestwerten herrscht oder keine Wetterdaten verfügbar sind.
  • Start- und Streckenausweichflugplätze sind bei erweiterten und entlegenen Operationen zu berücksichtigen.

Quelle: EASA CAT.OP.MPA.180 , AMC1 CAT.OP.MPA.180

Arten von Ausweichflugplätzen

1. Startausweichplatz

Ein Startausweichplatz ist erforderlich, wenn das Wetter am Abflugort beim Start unter den Lande-Mindestwerten liegt. Er muss innerhalb einer bestimmten Entfernung liegen (in der Regel eine Flugstunde für zweistrahlige, zwei Stunden für drei- oder mehrstrahlige Flugzeuge) und die Eignungskriterien für den Flugzeugtyp erfüllen.

Referenz: Skybrary: Take-off Alternate

2. Streckenausweichplatz

Ein Streckenausweichplatz ist ein Flughafen entlang der geplanten Strecke, der im Falle von Notfällen wie technischen Ausfällen oder medizinischen Problemen genutzt werden kann. Besonders wichtig bei Langstrecken-, Polar- oder Überwasserflügen sowie bei ETOPS-/EDTO-Operationen.

Referenz: ICAO Annex 6, Section 4.3.4.3.2

3. Zielausweichplatz

Ein Zielausweichplatz ist ein Ersatz für das geplante Ziel. Für die meisten IFR-Flüge erforderlich, es sei denn, es ist zuverlässiges VMC vorhergesagt oder das Ziel ist ein isolierter Flugplatz.

Referenz: EASA CAT.OP.MPA.180

Wann ist ein Ausweichflugplatz erforderlich?

  • IFR-Flüge: Fast immer, sofern nicht zuverlässig gutes Wetter zur ETA besteht.
  • Ausnahmen: Nicht erforderlich, wenn „hinreichende Sicherheit“ für VMC besteht oder bei isolierten Flugplätzen mit spezieller Kraftstoffplanung.
  • Mehrere Ausweichflugplätze: Erforderlich, wenn sowohl am Ziel als auch am ersten Ausweichplatz Wetter unter Mindestwerten herrscht oder keine Wetterdaten verfügbar sind.

FAA-Beispiel: Die 1-2-3-Regel – ist im Zeitraum 1 Stunde vor/nach ETA eine Untergrenze von mindestens 2.000 ft und 3 Meilen Sicht vorhergesagt, ist kein Ausweichflugplatz erforderlich.

EASA-Beispiel: Zwei Ausweichflugplätze, wenn sowohl Ziel als auch erster Ausweichplatz unter Mindestwerten liegen.

Ausnahmen von Ausweichflugplatz-Anforderungen

  • Gutes Wetter: Kein Ausweichflugplatz erforderlich, wenn VMC am Ziel für den festgelegten Zeitraum vorhergesagt ist.
  • Isolierte Flugplätze: Kein geeigneter Ausweichplatz verfügbar; besondere Anforderungen an Kraftstoff-/Wartezeitplanung.
  • Mehrere unabhängige Bahnen: Manche Behörden erlauben Ausnahmen, wenn das Ziel mehrere unabhängige Bahnen und zuverlässige Wetterberichte hat.

Betreiber müssen jede Ausnahme dokumentieren und sicherstellen, dass alle Kriterien erfüllt sind.

Meldeverfahren und Dokumentation

  • Betrieblicher Flugplan (OFP): Muss alle Ausweichflugplätze (Start, Strecke, Ziel) aufführen und die jeweilige Auswahl begründen.
  • ATS-Flugplan: Wird bei der Flugsicherung eingereicht, Ausweichplätze sind in den entsprechenden ICAO-/FAA-Formularfeldern anzugeben.
  • Rolle der Flugsicherung: ATC leitet nicht automatisch zum gemeldeten Ausweichflugplatz um; die Entscheidung trifft der Pilot, Koordination mit ATC erforderlich.
  • Dokumentation: Für behördliche Überprüfungen, Dispatcher-Kontrolle und Such- & Rettungszwecke notwendig.

Anforderungen an die Kraftstoffplanung

Die Auswahl eines Ausweichflugplatzes beeinflusst direkt die Kraftstoffberechnungen. Vorschriften verlangen ausreichend Kraftstoff, um:

  • Zum geplanten Ziel zu fliegen,
  • Einen Fehlanflug durchzuführen,
  • Zum Ausweichplatz weiterzufliegen,
  • Die erforderliche Wartezeit (in der Regel 30–45 Minuten) zu halten,
  • Contingency- und Ermessenskraftstoff nach Bedarf einzuschließen.

Standardsegmente bei der Kraftstoffplanung

BegriffDefinition
RollkraftstoffKraftstoff für Triebwerksstart, Rollen und Bodenverzögerungen.
StreckenkraftstoffKraftstoff vom Start bis zur Landung am Ziel.
Contingency-KraftstoffExtra für unvorhergesehene Abweichungen beim Streckenkraftstoff (z. B. 5 % des Streckenkraftstoffs).
AusweichkraftstoffKraftstoff für Fehlanflug, Steigflug, Flug zum Ausweichplatz, Sinkflug und Anflug.
EndreservekraftstoffWartekraftstoff: typischerweise 30 Minuten (Turbine) bzw. 45 Minuten (Kolben) in 1.500 ft über Ausweich-/Zielflughafen.
Zusätzlicher KraftstoffFür spezifische Notfälle (Triebwerksausfall, Druckverlust etc.).
ErmessenskraftstoffVom Piloten/Betreiber gewählter Extra-Kraftstoff für erwartete Bedürfnisse.

Referenzen:

Bewährte Verfahren bei Auswahl und Planung von Ausweichflugplätzen

1. Eignung prüfen

  • Bahnlänge und -oberfläche
  • Anflughilfen (ILS, RNAV, VOR usw.)
  • Wetterberichte und -vorhersagen
  • Betriebszeiten und Notfalldienste

2. Aktuelle Bedingungen überwachen

  • Neueste NOTAMs, ATIS und METARs für alle Ausweichflugplätze prüfen.
  • Pläne bei neuen Risiken anpassen.

3. Gründlich dokumentieren

  • Gründe für jeden Ausweichplatz klar angeben.
  • Einhaltung aller Vorschriften nachweisen und dokumentieren.

4. Kraftstoff konservativ planen

  • Zusätzliche Reserven für unvorhergesehene Ereignisse einplanen.
  • Aktuelle Dispatcher- und Verbrauchsdaten berücksichtigen.

5. Abstimmung mit Dispatcher und ATC

  • Klare Kommunikation über Ausweichflugplätze und Kraftstoffstatus sicherstellen.
  • Bei geänderten Bedingungen unterwegs bereit sein, Ausweichziele zu ändern.

Spezielle Szenarien: Mehrere Ausweichflugplätze und isolierte Flugplätze

Bei bestimmten Flügen (z. B. über entlegene oder risikoreiche Regionen) sind zwei Zielausweichplätze oder spezielle Planungen für isolierte Flugplätze erforderlich. Die Vorschriften unterscheiden sich; konsultieren Sie stets die aktuellen Vorgaben für Ihre Region und Ihren Flugtyp.

Fazit

Ausweichflugplätze sind ein unverzichtbarer Bestandteil eines sicheren, regelkonformen und effizienten Flugbetriebs. Ein umfassendes Verständnis, sorgfältige Dokumentation und Planung – unterstützt durch solide Kraftstoffberechnungen und regulatorische Kenntnisse – sind für jeden Piloten, Dispatcher und Betreiber unerlässlich.

Wesentliche Erkenntnisse:

  • Kennen Sie immer Ihre Ausweichflugplätze und deren Eignung.
  • Melden, besprechen und dokumentieren Sie alle Ausweichziele vor dem Flug.
  • Überwachen Sie Echtzeitbedingungen und bleiben Sie anpassungsfähig.
  • Sorgen Sie für eine robuste Kraftstoffplanung gemäß allen Vorschriften.

Für weitere Informationen, operative Unterstützung oder Schulungen zur Flugsicherheit kontaktieren Sie unsere Experten.

Quellen & weiterführende Literatur

Verwandte Begriffe

Letzte Aktualisierung: Juni 2024

Häufig gestellte Fragen

Was ist ein Ausweichflugplatz in der Luftfahrt?

Ein Ausweichflugplatz ist ein im Flugplan festgelegter Ersatzflughafen, zu dem ein Flugzeug ausweichen kann, falls eine Landung am geplanten Ziel unmöglich oder nicht ratsam ist. Für die meisten IFR-Flüge ist dies eine behördliche Vorschrift und unterstützt den sicheren Betrieb bei schlechtem Wetter, Flughafenschließungen oder anderen Notfällen.

Wann ist ein Ausweichflugplatz erforderlich?

Internationale und nationale Vorschriften (ICAO, FAA, EASA) verlangen für die meisten IFR-Flüge einen Ausweichflugplatz, es sei denn, die Wetterbedingungen am Ziel sind voraussichtlich gut (z. B. FAA 1-2-3-Regel). Ausnahmen bestehen für isolierte Flugplätze und bestimmte VMC-Szenarien.

Welche Arten von Ausweichflugplätzen gibt es?

Es gibt drei Haupttypen: Startausweichplatz (bei unsicherer Rückkehr zum Abflugort), Streckenausweichplatz (für Notfälle während der Strecke) und Zielausweichplatz (Ersatz für das geplante Ziel). Jeder dient einer anderen Betriebsphase und hat eigene Anforderungen.

Wie beeinflusst ein Ausweichflugplatz die Kraftstoffplanung?

Die Auswahl eines Ausweichflugplatzes wirkt sich auf die Kraftstoffberechnung aus. Vorschriften verlangen ausreichend Kraftstoff, um das Ziel zu erreichen, einen Fehlanflug durchzuführen, zum Ausweichflugplatz zu fliegen und ggf. zu warten. Zusätzlich sind Contingency- und Reservekraftstoff für eine sichere Ausweichlandung einzurechnen.

Können Piloten während des Flugs einen anderen Ausweichflugplatz wählen?

Ja. Obwohl der Ausweichflugplatz im Flugplan festgelegt ist, kann der verantwortliche Pilot jederzeit zu einem geeigneten anderen Flugplatz ausweichen, basierend auf aktuellen Wetter- oder Betriebsbedingungen oder Notfällen. Die Flugsicherung koordiniert gegebenenfalls die Freigaben für das neue Ausweichziel.

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