Seitenwind

Aviation Meteorology Flight Operations Airport Planning

Seitenwind – Windkomponente senkrecht zur Bahnausrichtung (Meteorologie)

Seitenwind ist ein grundlegendes Konzept in der Luftfahrtmeteorologie und im Flugbetrieb. Er bezeichnet den Windanteil, der senkrecht zur Bewegungsrichtung oder – besonders relevant in der Luftfahrt – senkrecht zur Mittellinie einer Start- und Landebahn weht. Das Verständnis und die Beherrschung von Seitenwind sind für Piloten und Flugplatzplaner essenziell, da er Sicherheit beim Start, bei der Landung und am Boden direkt beeinflusst.

Die Bedeutung von Seitenwind in der Luftfahrt

Flugzeuge sind nur bis zu einem bestimmten Seitenwindanteil zugelassen und getestet, bekannt als die maximal nachgewiesene Seitenwindkomponente. Wird dieser Wert überschritten, kann die Steuerbarkeit des Flugzeugs beim Start oder bei der Landung beeinträchtigt werden, was das Risiko eines Abkommens von der Bahn oder eines Kontrollverlusts erhöht. Aus diesem Grund werden die Ausrichtungen von Start- und Landebahnen an Flughäfen anhand historischer Winddaten gewählt, um Häufigkeit und Intensität von Seitenwindbedingungen zu minimieren.

Seitenwind vs. Gegenwind und Rückenwind

  • Gegenwind: Wind, der direkt entgegen der Flugrichtung entlang der Bahn weht. Er verkürzt Start- und Landestrecke und erhöht die Sicherheitsreserven.
  • Rückenwind: Wind, der in die gleiche Richtung wie die Bodenbewegung des Flugzeugs weht. Er verlängert die benötigte Bahnlänge und kann die Steuerbarkeit verschlechtern.
  • Seitenwind: Wind, der im rechten Winkel zur Bahn oder Flugrichtung weht, seitliches Abdriften verursacht und Korrekturen bei der Steuerung erfordert.

Berechnung der Seitenwindkomponente

Die Seitenwindkomponente bestimmt die senkrechte Kraft des Windes auf eine Start- und Landebahn oder die Bodenrichtung des Flugzeugs. Es handelt sich nicht um die gesamte Windgeschwindigkeit, sondern nur um den Anteil, der direkt quer zur Bewegungsrichtung wirkt.

Formel für die Seitenwindkomponente

Seitenwindkomponente = Windgeschwindigkeit × sin(θ)

  • θ ist der Winkelunterschied zwischen Windrichtung und Bahnausrichtung.
    • Beispiel: Weht der Wind aus 090° mit 20 Knoten und die Bahn ist 18 (180°), ist θ = 90°, und die Seitenwindkomponente beträgt 20 Knoten.

Beispielrechnung

  • Bahnausrichtung: 27 (270°)
  • Windrichtung: 210°
  • Windgeschwindigkeit: 15 Knoten
  • θ = |270 − 210| = 60°
  • Seitenwind = 15 × sin(60°) ≈ 15 × 0,866 = 13 Knoten

Gegenwind- und Rückenwindkomponente

  • Gegenwindkomponente = Windgeschwindigkeit × cos(θ)
  • Ist das Ergebnis negativ, handelt es sich um einen Rückenwind.

Bahnausrichtung und Windrichtung

  • Bahnausrichtung: Die magnetische Ausrichtung der Bahn, auf die nächste Zehnerstelle gerundet, z. B. wird 274° zu Bahn 27.
  • Windrichtung: Die Himmelsrichtung, aus der der Wind kommt, wird in Grad rechtweisend oder magnetisch (je nach Ort und Standard) angegeben.

Der Winkelunterschied zwischen Windrichtung und Bahnausrichtung bestimmt die Seitenwind- und Gegenwind-/Rückenwindkomponente. Dies wird immer als kleinster Winkel (0°–180°) gemessen.

Maximal nachgewiesene Seitenwindkomponente

Dieser Wert, zu finden im Flughandbuch (AFM) oder Pilot Operating Handbook (POH), gibt den höchsten Seitenwind an, der bei der Musterzulassung getestet wurde. Er dient als betriebliche Richtlinie – das Überschreiten ist nicht grundsätzlich verboten, wird jedoch insbesondere weniger erfahrenen Piloten oder bei widrigen Bedingungen nicht empfohlen.

  • Testbedingungen: Trockene, harte Bahnen, minimale Böen.
  • Praxis-Hinweis: Nasse, vereiste oder verschmutzte Bahnen oder böiger Wind erschweren die Kontrolle auch unterhalb des nachgewiesenen Werts.

Seitenwindbahnen und Flughafenplanung

Flughäfen werden so geplant, dass die Seitenwindbelastung minimiert wird. Bei stark variablen Hauptwinden kann eine Seitenwindbahn gebaut werden. Diese zweite Bahn ist so ausgerichtet, dass bei ungünstigem Seitenwind auf der Hauptbahn eine sichere Start- und Landemöglichkeit besteht.

ICAO- und FAA-Standards

  • ICAO Annex 14: Die Bahnausrichtung soll mindestens 95 % Nutzbarkeit bieten, d. h. die Seitenwindkomponente sollte an maximal 5 % der Zeit überschritten werden.
  • Windrosenanalyse: Langfristige Winddaten werden auf einer Windrose dargestellt, um die optimale Bahnausrichtung festzulegen.

Praktische Methoden zur Seitenwindberechnung

  • Trigonometrische Formel: Am genauesten, verwendet Sinus und Kosinus des Winkelunterschieds.
  • Kopfrechnen (Uhrmethode):
    • 0°–20° Abweichung: vernachlässigbar
    • 30° Abweichung: ~50 % der Windgeschwindigkeit
    • 45° Abweichung: ~70 %
    • 60° Abweichung: ~87 %
    • 90° Abweichung: 100 %
  • E6B Flugcomputer: Analoges oder digitales Hilfsmittel für Piloten.
  • Seitenwindtabellen: Grafische Hilfen in Flughandbüchern.

Seitenwindlandungen

Landungen bei Seitenwind erfordern spezielle Techniken:

  • Krabbenmethode: Das Flugzeug wird im Anflug in den Wind gedreht, um auf Kurs zu bleiben, und kurz vor dem Aufsetzen ausgerichtet.
  • Schiebemethode (Wing-Down): Der windzugewandte Flügel wird abgesenkt und mit entgegengesetztem Seitenruder gesteuert, sodass das Flugzeug auf Kurs bleibt. Das Aufsetzen erfolgt zuerst auf dem windzugewandten Rad.

Beide Methoden haben ihre Vorzüge und werden je nach Pilotenvorliebe, Flugzeugtyp und Stärke des Seitenwinds gewählt.

Start bei Seitenwind

Beim Start wenden Piloten an:

  • Querruder in den Wind legen, um ein Abheben des windzugewandten Flügels zu verhindern.
  • Seitenruder benutzen, um die Bahnausrichtung zu halten.
  • Mit zunehmender Geschwindigkeit Querruderwirkung reduzieren, da die Steuerflächen effektiver werden.

Flugzeuggrenzen

Flugzeuge haben veröffentlichte maximale Seiten- und Rückenwindkomponenten. Diese beruhen auf Zulassungstests und dienen der sicheren Betriebsführung.

  • Maximal nachgewiesener Seitenwind: Kein absolutes Limit, aber ein praxisnaher Leitwert.
  • Maximal zulässiger Rückenwind: Meist 5–10 Knoten für Start/Landung.

Piloten legen oft persönliche Mindestswerte darunter fest, besonders bei schwierigen Bedingungen.

Bahnauswahl

Die Wahl der Bahn richtet sich nach den Windbedingungen, um den Seitenwind zu minimieren und den Gegenwind zu maximieren. An kontrollierten Flughäfen weist die Flugsicherung Bahnen zu; an nicht kontrollierten Plätzen entscheiden Piloten selbst anhand der Wetterberichte und Flugzeuggrenzen.

Lärmschutz, Hindernisfreiheit und Notfallaspekte können die Wahl ebenfalls beeinflussen, aber der Wind ist der wichtigste Sicherheitsfaktor.

Windmeldungen und METARs

Flughäfen stellen aktuelle Winddaten über METARs (Luftfahrtwettermeldungen), ATIS (Automatische Terminalinformationen) und Windsäcke bereit.

  • METAR-Beispiel:
    METAR KJFK 151651Z 27017G25KT 10SM FEW050 SCT120 20/12 A2992
    Bedeutet: Wind aus 270° mit 17 Knoten, Böen bis 25 Knoten.

Piloten nutzen diese Angaben zusammen mit den Bahnausrichtungen, um die Seitenwindkomponente zu berechnen und sichere Entscheidungen zu treffen.

Windrose und Flughafennutzbarkeit

Eine Windrose stellt historische Winddaten grafisch dar und zeigt vorherrschende Richtungen und Geschwindigkeiten. Flugplatzplaner legen die Seitenwindgrenzen für das Referenzflugzeug auf die Windrose, um zu prüfen, wie oft die Bahnen unter sicheren Windbedingungen nutzbar sind.

  • Nutzbarkeitsziel: Mindestens 95 % der Zeit sollte der Seitenwind das Betriebsgrenzwert für das Referenzflugzeug des Flughafens nicht überschreiten.

Seitenwindsicherheit und Training

Seitenwind zu beherrschen ist eine Schlüsselqualifikation. Piloten trainieren im Simulator und in echten Flugzeugen, um hohe Seitenwinde zu meistern und lernen:

  • Die Richtung beim Start- und Landelauf zu halten.
  • Die richtigen Seitenwindlandetechniken anzuwenden.
  • Zu erkennen, wann Seitenwind die eigenen oder die Grenzen des Flugzeugs überschreitet.

Das Überschreiten der Seitenwindfähigkeit kann zu Unfällen wie Bahnabkommen oder Bodenschleifen führen, besonders bei leichten oder Spornradflugzeugen.

Quellen und weiterführende Literatur

Zusammenfassung

Seitenwind ist eine entscheidende Windkomponente in der Luftfahrt, wirkt senkrecht zur Start- und Landebahn und stellt beim Start und bei der Landung eine besondere Herausforderung dar. Die korrekte Berechnung, das Bewusstsein für Flugzeuggrenzen und das Beherrschen von Seitenwindtechniken sind für die Flugsicherheit und die Flughafenplanung unerlässlich.

Das Verständnis des Seitenwinds und dessen Management ist ein zentrales Element im Sicherheitsrepertoire jedes Piloten und für die Planung und den Betrieb jedes Flugplatzes.

Häufig gestellte Fragen

Wie berechnet man die Seitenwindkomponente?

Die Seitenwindkomponente wird mit folgender Formel berechnet: Seitenwind = Windgeschwindigkeit × sin(θ), wobei θ der Winkelunterschied zwischen Bahnrichtung und Windrichtung ist. Beispiel: Weht der Wind aus 090° mit 20 Knoten und die Bahn ist 18 (180°), beträgt der Winkel 90°, sodass die Seitenwindkomponente 20 Knoten entspricht.

Was ist die maximal nachgewiesene Seitenwindkomponente?

Die maximal nachgewiesene Seitenwindkomponente ist der höchste Seitenwindwert, bei dem ein Flugzeug während Start und Landung im Flug getestet und als steuerbar befunden wurde. Dieser Wert ist im Flughandbuch (AFM) oder Pilot Operating Handbook (POH) veröffentlicht. Er dient als Richtwert für den sicheren Betrieb, und Piloten wird dringend geraten, diesen Wert insbesondere bei widrigen Bedingungen nicht zu überschreiten.

Warum ist Seitenwind in der Luftfahrt wichtig?

Seitenwind beeinflusst die Fähigkeit der Piloten, während Start, Landung und Rollen die Richtung zu halten. Das Überschreiten der Seitenwindgrenze kann zu Bahnabkommen oder Kontrollverlust führen. Die richtige Beurteilung gewährleistet einen sicheren Betrieb und beeinflusst die Ausrichtung sowie die Planung von Start- und Landebahnen.

Welche Techniken wenden Piloten bei Seitenwindlandungen an?

Piloten verwenden die Krabbenmethode (die Nase gegen den Wind richten und vor dem Aufsetzen ausrichten) oder die Gleitpfad-/Schiebemethode (das windzugewandte Flügel absenken und mit entgegengesetztem Seitenruder steuern), um Seitenwind bei der Landung auszugleichen. Beide erfordern präzise Steuerbewegungen für eine sichere Landung.

Wie minimieren Flughäfen die Seitenwindbelastung?

Die Ausrichtung der Start- und Landebahnen erfolgt anhand einer langfristigen Windrosenanalyse, um möglichst viel Gegenwind und minimalen Seitenwind zu gewährleisten. Einige Flughäfen verfügen zudem über Seitenwindbahnen, um variablen Windbedingungen gerecht zu werden.

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