Abfangen (Luftfahrtbetrieb)

Aviation Flight Training Aircraft Landing Aerodynamics

Abfangen (Luftfahrtbetrieb)

Das Abfangen ist eines der wichtigsten Manöver in der Luftfahrt und wird in den letzten Momenten vor dem Aufsetzen eines Flugzeugs auf der Landebahn durchgeführt. Das Beherrschen des Abfangens sorgt für einen sanften Übergang vom Flug zum Ausrollen, schützt die Flugzeugstruktur und spielt eine zentrale Rolle für sichere Landungen. Dieser umfassende Leitfaden behandelt Definition, Zweck, Ablauf, Aerodynamik, Varianten, Training und typische Fehlerquellen des Abfangens bei unterschiedlichen Flugzeugtypen.

Was ist das Abfangen in der Luftfahrt?

Das Abfangen (auch als Ausrunden oder Level-off bezeichnet) ist das Manöver, bei dem der Pilot die Nase des Flugzeugs kurz vor der Landung allmählich anhebt und so aus dem stabilen Sinkflug in eine annähernd horizontale Fluglage wenige Meter über der Landebahn übergeht. Dieser entscheidende Schritt verringert die vertikale Sinkrate und ermöglicht dem Flugzeug, sanft auf dem Fahrwerk aufzusetzen.

Laut FAA Airplane Flying Handbook und ICAO Doc 4444 ist das Abfangen unerlässlich für sichere, kontrollierte Landungen und verhindert harte, bugfahrwerkbetonte oder hüpfende Aufsetzer, die das Flugzeug beschädigen und die Sicherheit gefährden können.

Wichtige Schritte beim Abfangen

  1. Endanflug: Das Flugzeug sinkt auf einem stabilisierten Gleitpfad mit der empfohlenen Anfluggeschwindigkeit (meist 1,3-fache VS0 bei Leichtflugzeugen, VAPP bei Jets).
  2. Abfangbeginn: In 3–6 Metern (10–20 Fuß) Höhe bei kleinen Flugzeugen oder 9–15 Metern (30–50 Fuß) bei Jets zieht der Pilot sanft das Steuer nach hinten und hebt die Nase an, um den Sinkflug zu bremsen.
  3. Ausschweben: Das Flugzeug „schwebt“ knapp über der Landebahn, während Geschwindigkeit und Auftrieb abnehmen.
  4. Aufsetzen: Zuerst setzt das Hauptfahrwerk auf, das Bugfahrwerk wird sanft nachgelassen, sobald die Geschwindigkeit abnimmt.
  5. Ausrollen: Das Flugzeug geht in den Bodenauslauf über und nutzt bei Bedarf aerodynamische Bremswirkung.

Visuelle und taktile Hinweise

  • Visuell: Die Ränder der Landebahn weiten sich im peripheren Blickfeld; der Zielpunkt wandert nach unten in der Frontscheibe.
  • Taktil: Das Gefühl nachlassender „Sinkrate“, da der Bodeneffekt zunimmt.
  • Verfahren: Funkhöhenmesser-Ansagen (bei Jets) oder erlerntes Timing (bei der allgemeinen Luftfahrt) leiten den Abfangbeginn.

Zweck und Bedeutung des Abfangens

Ein korrekt ausgeführtes Abfangen erfüllt mehrere kritische Aufgaben:

  • Reduziert die Sinkrate: Bremst den vertikalen Abstieg für ein sanftes, kontrolliertes Aufsetzen.
  • Schützt das Flugzeug: Minimiert Belastungen für Fahrwerk und Struktur und verringert das Risiko struktureller Schäden.
  • Nutzt den Bodeneffekt: Profitiert von erhöhter Auftriebskraft und reduziertem Widerstand nahe der Landebahn und vermindert so die Aufprallkräfte.
  • Ermöglicht aerodynamisches Bremsen: Hält die Nase oben für eine effektive Verzögerung.
  • Verbessert das Bodenhandling: Sorgt für einen stabilen Übergang vom Flug zum Ausrollen und unterstützt die Richtungssteuerung.

Fehlerhaftes Abfangen ist eine der Hauptursachen für Landeunfälle, darunter harte Landungen, Abkommen von der Landebahn, Bugfahrwerkslandungen, Nickschwingungen (Porpoising) und Fahrwerkschäden.

Aerodynamik des Abfangens

Auftrieb, Anstellwinkel und Bodeneffekt

  • Erhöhter Anstellwinkel: Das Anheben der Nase steigert den Anstellwinkel, erhöht kurzzeitig den Auftrieb und verringert die Sinkrate.
  • Abnehmende Geschwindigkeit: Mit sinkender Geschwindigkeit nimmt der Auftrieb ab; das Flugzeug setzt schließlich auf der Landebahn auf.
  • Bodeneffekt: Im Bereich etwa einer Flügelspannweite über dem Boden nimmt der induzierte Widerstand ab und der Auftrieb zu, was das Flugzeug bei falscher Steuerung „schweben“ lässt.
  • Stallgrenze: Das Abfangen erfolgt knapp oberhalb der Mindestgeschwindigkeit – das Timing ist entscheidend, um einen Strömungsabriss oder eine harte Landung zu vermeiden.

Pitch und Aufsetzen

  • Bugradfahrwerk: Zuerst setzt das Hauptfahrwerk auf; das Bugrad bleibt in der Luft, bis die Geschwindigkeit weiter abnimmt.
  • Spornrad: Ziel ist eine Dreipunktlandung (alle Räder gleichzeitig) oder zuerst Hauptfahrwerk – je nach Flugzeugtyp und Bedingungen.

Leistungsmanagement

  • Leichtflugzeuge: Das Gas ist beim Abfangen meist auf Leerlauf, bei Böen oder kurzen Landebahnen kann etwas Leistung gehalten werden.
  • Jets: Die Schubhebel werden während des Abfangens typischerweise bei einer Funkhöhenmesser-Ansage (z.B. „20“ oder „10“ Fuß) auf Leerlauf gezogen.

Abfangtechniken und Varianten

Standardmäßiges Ausrunden und Ausschweben

  • Zweiphasen-Abfangen: Zuerst Ausrunden (Übergang in den Horizontalflug), dann Ausschweben (Halten der Nase oben bis zum Aufsetzen).
  • Typisch im GA-Training: Gibt Zeit, die Sinkrate fein abzustimmen und ein Hüpfen zu vermeiden.

Kontinuierliches Abfangen

  • Sanfte, durchgehende Bewegung: Wird häufig bei Jets angewendet, bei denen Timing und Trägheit besonders kritisch sind.

Jacobson-Flare

  • Visuelle Referenztechnik: Das Abfangen beginnt, wenn ein bestimmter Punkt der Landebahn mit einer festen Markierung in der Windschutzscheibe übereinstimmt, was das Timing standardisiert.

Tau- (τ) und Theta-dot (θ̇)-Techniken

  • Fortgeschrittene, quantitative Verfahren: Nutzen Zeit-bis-Kontakt- oder visuelle Änderungsraten, um das Abfangen zu optimieren, häufig im Airline- oder Simulatortraining.

Abfangen bei verschiedenen Flugzeugtypen

Allgemeine Luftfahrt (Leichtflugzeuge)

  • Abfanghöhe: 3–6 Meter (10–20 Fuß) über Grund.
  • Empfindlich auf Geschwindigkeit und Pitch: Zu hohe Anfluggeschwindigkeit führt zum Ausschweben; falscher Pitch zu Ballonieren oder Hüpfern.
  • Visuelle Hinweise: Hauptorientierung für das Abfang-Timing.

Verkehrsflugzeuge (Jets)

  • Abfanghöhe: 9–15 Meter (30–50 Fuß) über Grund.
  • Funkhöhenmesser-Ansagen: „50, 40, 30, 20, 10“ Fuß geben präzise Hinweise.
  • Sanftes, abgestuftes Hochziehen: Typisch 2–3 Grad Pitch-Änderung, koordiniert mit Schub auf Leerlauf.
  • Aerodynamisches Bremsen: Nase bleibt nach dem Aufsetzen des Hauptfahrwerks oben.

Wichtige Unterschiede

  • Fahrwerk: Jets haben robustes Hauptfahrwerk, aber empfindliches Bugfahrwerk – Hauptfahrwerkslandung ist entscheidend.
  • Trägheit und Leistungsreaktion: Jets erfordern früheres, präziseres Abfangen und Schubreduzierung.
  • Automatisierung: Viele Airliner verfügen über Autoland-Fähigkeit und automatisieren Abfangen und Aufsetzen.

Training und Übung

1. Sichtbild-Übungen: Niedrige Überflüge zum Trainieren des richtigen „Sichtbilds“ für Abfanglage und -höhe. 2. Abfang-Timing-Drills: Verschiedene Abfanghöhen üben, um Effekte wie Ausschweben, Ballonieren oder harte Landungen zu erleben. 3. Landungen mit/ohne Leistung: Einfluss des Gashebels auf Abfangen und Ausschweben erleben. 4. Durchstarten: Training, eine Landung aus dem Abfangen sicher abzubrechen. 5. Simulator-Sessions: Abfangen unter verschiedenen Bedingungen simulieren – Seitenwind, kurze Bahnen, Systemausfälle.

Häufige Fehler beim Abfangen und deren Behebung

FehlerBeschreibungKorrektur
Zu hoch/früh abfangenFlugzeug schwebt, kann abreißen oder hart landenDruck nachlassen, ggf. Leistung geben
Zu niedrig/spät abfangenHarte oder buglastige LandungFrüher ausrunden, auf Landebahn-Anhaltspunkte achten
BallonierenÜbermäßiges Hochziehen führt zum SteigenPitch halten, nicht abrupt drücken, ggf. durchstarten
AusschwebenZu hohe Geschwindigkeit oder zu sanftes Abfangen, Flugzeug setzt nicht aufKorrekte Anfluggeschwindigkeit, nicht aufsetzen erzwingen
BugfahrwerkslandungZu geringe Nase-hoch-LageDruck halten, bis Hauptfahrwerk unten
Nickschwingung (Porpoising)Hüpfen nach fehlerhaftem AbfangenDurchstarten, nicht „Nase runter“ erzwingen
Versetzte LandungSchlechte Ausrichtung während des AbfangensAuf Mittellinie konzentrieren, periphere Anhaltspunkte nutzen

Erweiterter Glossar

BegriffDefinition
AbfangenSanftes Hochziehen kurz vor dem Aufsetzen zur Verringerung der Sinkrate.
AusrundenErste Abfangphase, Übergang aus dem Sinkflug in den Horizontalflug.
AusschwebenNase-hoch-Haltung bis zum Aufsetzen.
BodeneffektErhöhter Auftrieb und verringerter Widerstand nahe dem Boden, verlängert das Ausschweben.
VAPPEmpfohlene Anfluggeschwindigkeit, typischerweise 1,3 × Stallgeschwindigkeit.
Anstellwinkel (AOA)Winkel zwischen Flügelsehne und Anströmrichtung, erhöht den Auftrieb bis zum Strömungsabriss.
Pitch-LageStellung der Flugzeugnase im Verhältnis zum Horizont.
ZielpunktPunkt auf der Landebahn, auf den gezielt gelandet wird.
BallonierenUnbeabsichtigter Steigflug während des Abfangens.
AusschwebenVerlängertes „Schweben“ über der Landebahn, meist bei zu hoher Geschwindigkeit oder zu sanftem Abfangen.
Nickschwingung (Porpoising)Hüpfen nach fehlerhaftem Aufsetzen oder Abfangen.
AufsetzzoneBereich der Landebahn, in dem optimalerweise aufgesetzt wird.
Tau-FlareAbfangen mit Timing nach „Time-to-Contact“-Berechnung.

Praktische Beispiele

Cessna 172: Anflug mit 65 Knoten, Abfangen bei ca. 3 Metern (10 Fuß) über Grund, sanftes Ziehen, Nase oben halten, Hauptfahrwerk setzt zuerst auf, Bugrad nachlassen, sobald die Geschwindigkeit sinkt.

Airbus A320: Anflug mit VAPP, Abfangen bei „30“-Fuß-Ansage, sanftes Hochziehen um 2–3°, Schub auf Leerlauf bei „20–10“ Fuß, Hauptfahrwerksaufsetzen, Nase für aerodynamisches Bremsen oben halten.

Quellen

  • FAA Airplane Flying Handbook (FAA-H-8083-3C)
  • ICAO Doc 4444 (PANS-ATM)
  • Airbus- und Boeing-FCOMs
  • Transport Canada Flight Training Manual

Zusammenfassung

Das Abfangen ist ein zentrales und feinfühliges Manöver bei der Landung. Seine Beherrschung erfordert ein Verständnis für Aerodynamik, visuelle Anhaltspunkte und die spezifischen Anforderungen jedes Flugzeugtyps. Die korrekte Ausführung sorgt für sanfte Landungen, schützt das Flugzeug und steht für höchste Luftfahrtsicherheit.

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Häufig gestellte Fragen

Welchen Zweck hat das Abfangen während der Flugzeuglandung?

Das Abfangen verringert die Sinkrate des Flugzeugs kurz vor dem Aufsetzen und sorgt so für eine sanfte, kontrollierte Landung. Es schützt die Flugzeugstruktur und das Fahrwerk vor übermäßigen Belastungen, nutzt den Bodeneffekt für einen sanfteren Übergang und hilft, während des Ausrollens die Richtungskontrolle zu behalten.

Woran erkennen Piloten, wann sie mit dem Abfangen beginnen sollen?

Piloten verwenden eine Kombination aus visuellen Anhaltspunkten (wie das 'Breiterwerden' der Landebahn im peripheren Blickfeld), Rückmeldungen über die Steuerung und – bei einigen Flugzeugen – Ansagen des Funkhöhenmessers. Die Abfanghöhe variiert je nach Flugzeugtyp, typischerweise 3–6 Meter (10–20 Fuß) über Grund bei Leichtflugzeugen und 9–15 Meter (30–50 Fuß) bei Jets.

Welche häufigen Fehler treten beim Abfangen auf und wie können sie behoben werden?

Typische Fehler sind zu frühes oder spätes Abfangen, Ballonieren, langes Schweben, Landungen auf dem Bugfahrwerk und Nickschwingungen (Porpoising). Die Korrekturen umfassen die richtige Anfluggeschwindigkeit, das Einleiten des Abfangens mithilfe visueller Anhaltspunkte, gleichmäßige Pitch-Steuerung und das Durchstarten, falls eine sichere Landung nicht möglich ist.

Unterscheidet sich die Abfangtechnik zwischen allgemeiner Luftfahrt und Jets?

Ja. Leichtflugzeuge fangen tiefer ab und reagieren empfindlicher auf Pitch- und Geschwindigkeitsänderungen, wobei hauptsächlich visuelle Anhaltspunkte genutzt werden. Jets fangen höher ab, verwenden ein kontinuierliches, sanftes Hochziehen mit Funkhöhenmesser-Ansagen und sind weniger empfindlich auf Pitch, erfordern aber präzises Timing.

Was ist der Bodeneffekt und wie beeinflusst er das Abfangen?

Der Bodeneffekt ist ein Bereich mit erhöhter Auftriebskraft und verringerter induzierter Widerstand, den ein Flügel nahe der Landebahn erfährt. Während des Abfangens ermöglicht der Bodeneffekt dem Flugzeug ein leichteres 'Schweben', was bei zu hoher Anfluggeschwindigkeit oder falsch getimtem Abfangen zu verzögerten Aufsetzpunkten führen kann.

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