Flugplatzkontrolle

Air Traffic Control Aviation Airport Operations

Flugplatzkontrolle – Umfassender Leitfaden

Definitionen und Geltungsbereich

Flugplatzkontrolle ist ein spezialisierter Zweig der Flugsicherung (ATC), der von einem Flugplatzkontrollturm (TWR) zur Steuerung und Kontrolle des Flugplatzverkehrs erbracht wird. Dies umfasst sowohl die Bewegungen von Luftfahrzeugen und Fahrzeugen auf der Manöverfläche (Start- und Landebahnen sowie Rollwege) als auch den Luftraum in der unmittelbaren Umgebung des Flughafens. Laut ICAO Annex 11 verhindert die Flugplatzkontrolle Kollisionen, sorgt für einen geordneten Ablauf und erteilt Freigaben für Start, Landung, Rollen und Bahnüberquerungen. Sie überwacht und autorisiert zudem Fahrzeugbewegungen in gesperrten Bereichen.

Flugplatzverkehr umfasst alle Luftfahrzeuge, die sich auf der Manöverfläche bewegen oder im unmittelbaren Umkreis des Flugplatzes fliegen, gewöhnlich innerhalb einer Kontrollzone (CTR) bis zu einer festgelegten Höhe. Dazu zählen Ankünfte, Abflüge, Platzrunden und Überflüge.

Flugsicherung (ATC) ist die Gesamtheit der von autorisierten Stellen betriebenen Dienste zur Aufrechterhaltung eines sicheren, geordneten und zügigen Verkehrsflusses in der Luft und am Boden. Die Flugsicherung gliedert sich in Flugplatzkontrolle, Anflugkontrolle und Bezirkskontrolle, jeweils mit klaren Zuständigkeiten und Aufgabenbereichen.

Instrumentenflugregeln (IFR) und Sichtflugregeln (VFR) sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Piloten. IFR gilt bei schlechter Sicht und erfordert das Fliegen nach Instrumenten sowie Staffelung durch die Flugsicherung, während VFR für Sichtnavigation bei gutem Wetter vorgesehen ist.

Manöverfläche ist der Teil eines Flugplatzes, der für Start, Landung und Rollen verwendet wird, ausgenommen Vorfelder. Die Kontrolle dieses Bereichs ist entscheidend, um Kollisionen zu verhindern und einen effizienten Verkehrsfluss aufrechtzuerhalten.

Ziele der Flugplatzkontrolle

Die Ziele der Flugplatzkontrolle gemäß ICAO Annex 11 und Doc 4444 (PANS-ATM) sind:

1. Verhinderung von Kollisionen:
Lotsen verhindern Kollisionen zwischen Luftfahrzeugen in der Luft sowie zwischen Luftfahrzeugen und Fahrzeugen oder Hindernissen auf der Manöverfläche. Dies erfordert ständige Überwachung, Kommunikation und Koordination durch Sichtbeobachtung und technische Hilfsmittel.

2. Zügiger und geordneter Verkehrsfluss:
Lotsen reihen und staffeln Ankünfte und Abflüge, um Verzögerungen zu minimieren und die Nutzung von Bahnen und Rollwegen zu optimieren. Dazu gehören Abflüge von Rollwegkreuzungen, Schnellabrollwege und eine dynamische Priorisierung je nach Leistung und Betriebsbedarf.

3. Bereitstellung wichtiger Informationen:
Lotsen stellen Echtzeitinformationen zu Wetter, Bahnenstatus und Verkehrslage bereit, damit Piloten und Fahrzeugführer sichere Entscheidungen treffen können.

4. Alarmdienste:
Türme lösen bei Unfällen, Vorfällen oder überfälligen Luftfahrzeugen Notfallmaßnahmen aus und koordinieren mit Rettungs- und Feuerwehrdiensten sowie Such- und Rettungsdiensten (SAR), falls nötig.

Lotsen müssen diese Ziele oft gegeneinander abwägen und situationsgerecht entscheiden, wenn betriebliche Prioritäten im Konflikt stehen.

Flugsicherungsdienste (ATS) und Unterteilung

Die in ICAO Annex 11 beschriebenen Flugsicherungsdienste (ATS) werden in mehrere Kategorien unterteilt:

  • Flugsicherungsdienst (ATC):
    • Flugplatzkontrolle (TWR): Bodenbewegungen und unmittelbarer Luftraum (meist bis 2.000 Fuß GND und innerhalb von 5–10 NM).
    • Anflugkontrolle (APP): An- und Abflüge im Terminalbereich (bis 10.000–20.000 Fuß und 20–40 NM Umkreis).
    • Bezirkskontrolle (ACC): Durchfliegende Luftfahrzeuge über große Sektoren.
  • Fluginformationsdienst (FIS): Liefert meteorologische, NOTAM- und weitere sicherheitsrelevante Informationen.
  • Alarmdienst: Benachrichtigt und aktiviert SAR-Ressourcen für Notfälle.

Flugplatzkontrolldienst: Beschreibung und Anwendung

Die Flugplatzkontrolle arbeitet vom Kontrollturm aus, der über eine Panorama-Aussicht, moderne Kommunikation und Überwachungstechnik verfügt.

Kernaufgaben:

  • Erteilen von Start- und Landefreigaben.
  • Autorisieren von Rollanweisungen und Bahnüberquerungen.
  • Überwachen von Fahrzeugbewegungen auf der Manöverfläche.
  • Bereitstellung von Echtzeit-Wetter- und Betriebsinformationen.

Betriebliche Anwendungsfälle:

  • Abflugbereite Luftfahrzeuge erhalten in Folge Freigaben von Clearance Delivery (für IFR), Ground und Tower.
  • Ankünfte werden vom Endanflug bis zum Verlassen der Bahn gesteuert.
  • Bewegungen von Fahrzeugen für Wartung, Rettung und Feuerwehr werden streng kontrolliert.

Sonderbetrieb:

  • Bei geringer Sicht, Schneeräumung, VIP-/Notflügen und Hubschrauberbetrieb sind spezielle Freigaben und eine enge Koordination mit der Anflugkontrolle erforderlich.
Interior of a modern Aerodrome Control Tower

Rollen und Zuständigkeiten

Die Flugplatzkontrolle ist in der Regel in spezialisierte Positionen unterteilt:

  • Clearance Delivery: Erteilt IFR-Freigaben, weist SIDs, Anfangshöhen und Transpondercodes zu und koordiniert mit Anflug-/Bezirkskontrolle.
  • Bodenverkehrskontrolle (Ground Control): Steuert Luftfahrzeuge und autorisierte Fahrzeuge auf Rollwegen und Vorfeldern (außer aktiven Bahnen). Koordiniert Roll-/Pushback-Freigaben, Bahnüberquerungen und übergibt zum Start an den Tower.
  • Tower-Kontrolle: Überwacht aktive Bahnen und den unmittelbaren Luftraum, erteilt Start-/Landefreigaben, ordnet den Verkehr und leitet Durchstart- oder Notfallverfahren ein.

An kleineren Flughäfen können Rollen kombiniert sein; an großen Flughäfen sind sie zur optimalen Effizienz getrennt.

Koordination und Übergaben:
Eine nahtlose Koordination zwischen Clearance Delivery, Ground und Tower ist ebenso unerlässlich wie die enge Abstimmung mit der Anflug-/Abflugkontrolle.

Kommunikationsprotokolle und Sprechgruppen

Die standardisierte Kommunikation gemäß ICAO Doc 9432 und Doc 4444 gewährleistet Sicherheit und Klarheit.

  • Standard-Sprechgruppen: Freigaben und Anweisungen folgen festen Mustern (z.B. „Piste 27, zum Start frei“).
  • Readback-Pflicht: Piloten müssen sicherheitsrelevante Freigaben (Bahn, Höhe etc.) zurücklesen.
  • Verwendung von Rufzeichen: Gewährleistet eindeutige Identifikation und verhindert Verwechslungen.
  • Notfallkommunikation: Im Notfall ist Klartext zulässig („Mayday“, „Pan Pan“).
  • Nicht-Standard-Situationen: Bedingte Freigaben oder Änderungen müssen bestätigt und quittiert werden.
Sample radio transmission flow in an ATC tower

Betriebliche Verfahren

Rollverfahren

Strenge Protokolle verhindern Bahneinbrüche und gewährleisten einen effizienten Verkehrsfluss. Lotsen nutzen Sichtbeobachtung, Bodenradar (SMR) und elektronische Flugstreifen. Bei Sichtminderung kommen zusätzliche Sicherungen wie Stopbars und spezielle Rollwege zum Einsatz.

Bahnverfahren

Die Zuteilung von Bahnen erfolgt nach Wind, Ausstattung und Betriebsbedarf. Start-/Landefreigaben werden nur erteilt, wenn Bahn und An-/Abflugsektoren frei sind. Schnellabrollwege beschleunigen das Verlassen der Bahn.

Staffelungsstandards

Die ICAO-Mindeststaffelung verlangt, dass sich nur ein Luftfahrzeug/Fahrzeug auf einer Bahn befindet, es sei denn, es wurden bedingte Freigaben erteilt. In der Luft sorgen Staffelung und Geschwindigkeitskontrolle für Abstände, mit besonderer Vorsicht bei Wirbelschleppen.

Koordination und Übergaben

Ground übergibt an den Tower am Rollhalt; der Tower übergibt abfliegende/ankommende Luftfahrzeuge nach Start/Landung an Anflug/Abflug oder Ground. Standardarbeitsanweisungen (SOPs) regeln Übergabepunkte und Sprechgruppen.

Not- und Ausnahmeszenarien

Die Flugplatzkontrolle ist Erstansprechpartner für Notfälle – etwa Bahneinbrüche, Flugzeugvorfälle, Vogelschlag, Ausfälle oder Wetter. Lotsen stoppen sofort den Verkehr, aktivieren Notfallpläne und koordinieren mit Rettungsdiensten.

Aussetzung von VFR und Sonder-VFR

VFR kann bei schlechtem Wetter oder hohem Verkehrsaufkommen ausgesetzt werden. Sonder-VFR (SVFR) erlaubt bestimmten Flügen reduzierte Minima, sofern ATC und Anflugkontrolle zustimmen.

Beispiele und Anwendungsfälle

  • Abflugreihenfolge: Lotsen koordinieren Pushbacks und Rollwege, um den Verkehrsfluss zu optimieren und Konflikte zu vermeiden, unter Berücksichtigung von Slots und Flugzeugtypen.
  • Bahneinbruchsmanagement: Betritt ein Luftfahrzeug oder Fahrzeug unerwartet eine Bahn, hebt der Lotse Freigaben auf, ordnet Durchstarten an und aktiviert Notfallprotokolle.
  • Koordination mit Anflugkontrolle: Ankünfte werden im Endanflug vom Approach an den Tower übergeben, nach der Landung an Ground.
  • Sonder-VFR-Freigabe: Bei grenzwertigem Wetter können Hubschrauber oder bestimmte Luftfahrzeuge SVFR-Freigaben mit klaren Routen und Staffelung erhalten.
  • Notfallreaktion: Lotsen stoppen Bewegungen, alarmieren Rettungsdienste und leiten Einsatzkräfte bei Triebwerksbrand, Startabbruch oder anderen Vorfällen.

Rechtliche Grundlagen und Vorschriften

  • ICAO Annex 11 – Flugsicherungsdienste: Legt weltweite Standards für die Flugsicherung, einschließlich Flugplatzkontrolltürme, fest.
  • ICAO Doc 4444 (PANS-ATM): Definiert detaillierte Verfahren, Sprechgruppen und Staffelungsminima.
  • FAA AIP GEN 3.3 – Flugsicherungsdienste: US-amerikanische nationale Vorschriften und Verfahren.
  • OTAR (Overseas Territories Aviation Requirements): Anforderungen für bestimmte Hoheitsgebiete.
  • Nationale Luftfahrtvorschriften: Regeln im Detail die Lizenzierung von Lotsen, Zertifizierung von Türmen und lokale Verfahren.

Die Einhaltung erfolgt durch Audits, Kompetenzüberprüfungen und Untersuchungen von Vorfällen. Internationale Änderungen werden von Flugsicherungsorganisationen (ANSPs) durch aktualisierte Verfahren und Schulungen umgesetzt.

Glossar der Begriffe

  • Flugplatz: Abgegrenztes Gebiet (Land oder Wasser, einschließlich Gebäude und Ausrüstung) für Ankunft, Abflug und Bewegung von Luftfahrzeugen.
  • Flugplatzkontrolldienst: Flugsicherungsdienst vom Kontrollturm zur Steuerung von Bewegungen auf Start- und Landebahnen, Rollwegen und im unmittelbaren Luftraum.
  • Kontrollzone (CTR): Kontrollierter Luftraum um einen Flughafen, meist bis zu einer bestimmten Höhe und im bestimmten Radius.
  • Manöverfläche: Start- und Landebahnen sowie Rollwege, ausgenommen Vorfelder.
  • Clearance Delivery: Tower-Position, die IFR-Freigaben vor Triebwerksstart ausgibt.
  • Bodenverkehrskontrolle: Position zur Steuerung der Rollwege und Vorfelder (außer aktiver Bahnen).
  • Tower-/Lokal-Kontrolle: Zuständig für aktive Bahnen, Starts, Landungen und Platzrunden.
  • Bodenradar (SMR): Radar zur Überwachung von Bodenbewegungen.
  • Wirbelschleppen: Luftstörungen hinter Luftfahrzeugen, die besondere Staffelung erfordern.
  • Bahneinbruch: Unbefugtes Betreten einer Bahn durch Luftfahrzeuge, Fahrzeuge oder Personen.
  • Sonder-VFR (SVFR): Freigabe für Sichtflug bei reduzierten Wetterminima im kontrollierten Luftraum.

Die Flugplatzkontrolle ist eine zentrale Sicherheits- und Effizienzfunktion an jedem Flughafen, die Technik, standardisierte Verfahren und fachkundige Entscheidungen verbindet, um Himmel und Boden sicher und geordnet zu halten.

Häufig gestellte Fragen

Was macht die Flugplatzkontrolle?

Die Flugplatzkontrolle steuert alle Bewegungen von Luftfahrzeugen und autorisierten Fahrzeugen auf den Start- und Landebahnen, Rollwegen und im unmittelbaren Luftraum eines Flughafens. Fluglotsen erteilen Freigaben für Start, Landung, Rollen und das Überqueren von Bahnen, verhindern Kollisionen, ordnen An- und Abflüge und stellen Piloten und Bodenfahrzeugen wichtige Echtzeitinformationen bereit.

Worin unterscheidet sich die Flugplatzkontrolle von der An- oder Bezirkskontrolle?

Die Flugplatzkontrolle arbeitet vom Kontrollturm des Flughafens aus und konzentriert sich auf Bodenbewegungen und den unmittelbaren Luftraum um den Flughafen. Die Anflugkontrolle steuert an- und abfliegende Luftfahrzeuge im weiteren Terminalbereich, während die Bezirkskontrolle den Durchflugverkehr über größere Bereiche des kontrollierten Luftraums zwischen Flughäfen abdeckt.

Was sind die Hauptaufgaben von Flugplatzlotsen?

Flugplatzlotsen erteilen Freigaben für Start, Landung, Rollen und Bahnüberquerungen, überwachen den Boden- und Luftverkehr innerhalb der Kontrollzone, geben Wetter- und Betriebsinformationen weiter, leiten Notfallmaßnahmen ein und koordinieren sich mit Boden-, Anflug- und Bezirkskontrollstellen, um einen sicheren und effizienten Flughafenbetrieb zu gewährleisten.

Welche Vorschriften regeln die Flugplatzkontrolle?

Wichtige Vorschriften sind ICAO Annex 11 (Air Traffic Services), ICAO Doc 4444 (Procedures for Air Navigation Services – Air Traffic Management) und nationale Luftfahrtvorschriften (wie z.B. von FAA oder EASA). Diese legen Verfahren, Sprechgruppen, Staffelungsstandards und Qualifikationen für Fluglotsen fest.

Was ist die Manöverfläche in der Flugplatzkontrolle?

Die Manöverfläche besteht aus den Start- und Landebahnen sowie Rollwegen eines Flughafens, die für Start, Landung und Rollen genutzt werden, jedoch ohne Vorfelder, auf denen Flugzeuge abgestellt oder gewartet werden. Die Flugplatzkontrolle ist für alle Bewegungen in diesem Bereich verantwortlich, um Kollisionen zu verhindern und einen effizienten Verkehrsfluss zu gewährleisten.

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