Verfahren bei geringer Sicht (LVP)

Aviation safety Airport operations ATC ILS

Verfahren bei geringer Sicht (LVP) im Flugbetrieb

Definition

Verfahren bei geringer Sicht (LVP) sind umfassende Protokolle, technische Standards und behördliche Kontrollen, die an Flughäfen bei reduzierter Sicht – wie Nebel, starkem Niederschlag oder niedrigen Wolken – aktiviert werden, um die sichere und geordnete Bewegung von Flugzeugen, Fahrzeugen und Personal zu gewährleisten. LVP schützen kritische Navigationssignale, verhindern Runway Incursions und erhalten das Situationsbewusstsein von Piloten und Fluglotsen. Vorgeschrieben durch ICAO Annex 14 und nationale Behörden (z. B. UK CAA CAP 168, FAA Order 8000.94A), unterstützen LVP Präzisionsanflüge (CAT II, OTS CAT II, CAT III) und Starts bei geringer Sicht (LVTO), indem sie strikten Schutz und betriebliche Kontrollen durchsetzen, sobald die visuelle Überwachung eingeschränkt ist.

Zweck und Anwendungsbereich

Zweck

LVP dienen dazu:

  • Die Sicherheit und Betriebskontinuität des Flughafens zu gewährleisten, wenn die Sicht unter normale Schwellenwerte fällt.
  • Gefahren wie Runway Incursions, Signalstörungen und den Verlust des Situationsbewusstseins zu verhindern.
  • ILS/MLS-sensible Bereiche zu schützen und strengere Bodenbewegungskontrollen zur Aufrechterhaltung der Sicherheit bei geringer Sicht durchzusetzen.

Anwendungsbereich

LVP gelten für alle zertifizierten/lizenzierten Flugplätze, die Präzisionsanflüge oder LVTO unterstützen, sowohl zivil als auch militärisch. Sie regeln:

  • Flugzeugbewegungen (Anflug, Landung, Rollen, Start)
  • Zugang von Fahrzeugen und Personal zu Bewegungsflächen
  • Nutzung spezieller Haltepunkte, Stop-Bars und Beleuchtungssysteme
  • Koordination und Einhaltung zwischen Flughafenbetreiber, ATC, Piloten und Bodenabfertigern

Wichtige Begriffe und Definitionen

BegriffDefinition
Low Visibility Operations (LVO)Betrieb bei reduzierter Sicht unter Anwendung von LVP und zugehörigen Schutzmaßnahmen.
Runway Visual Range (RVR)Die gemessene Entfernung, über die ein Pilot Markierungen oder Lichter der Startbahn von der Mittellinie aus erkennen kann.
SMGCS/A-SMGCSBodenführungssysteme, die sichere Bewegungen am Boden bei geringer Sicht leiten und überwachen.
CAT II/III-HaltepunkteSpezielle Haltepositionen auf Rollwegen zum Schutz der ILS-Bereiche und zur Vermeidung von Signalstörungen.
ILS-sensible ZoneBereich in der Nähe der ILS-Antennen, in dem sich Flugzeuge/Fahrzeuge auf das Signal auswirken können.
Low Visibility Take-Off (LVTO)Start, wenn die RVR unter den Standard-Mindestwerten liegt (typischerweise <400–550 m).
PräzisionsanflugverfahrenAnflug mit Navigationshilfen (ILS/MLS), die seitliche und vertikale Führung bieten (CAT I/II/III).
Runway IncursionUnbefugtes Betreten einer Start- und Landebahn durch Flugzeug, Fahrzeug oder Person mit Kollisionsgefahr.

Rechtlicher Rahmen

LVP werden vorgeschrieben von:

  • ICAO Annex 14, Vol. I: Weltweite Standards für Flugplatzgestaltung und Betrieb bei geringer Sicht.
  • CAP 168 (UK CAA): Britische Anforderungen an LVP und Flugplatzlizenzierung.
  • FAA Order 8000.94A/B (US): US-Standards für LVO und Bodenführungssysteme.
  • UAE AMC-44: Länderspezifische Vorgaben für LVP in den VAE.
  • RA 3274 (UK Defence): Anforderungen für militärische Flugplätze im Hinblick auf LVP.

Die Einhaltung wird regelmäßig geprüft; LVP-Pläne müssen detailliert im Betriebshandbuch festgehalten und durch NOTAMs sowie Briefings bekanntgemacht werden.

Sichtbedingungen und Auslöseschwellen

Die Sicht am Flughafen wird kategorisiert, um die Aktivierung von LVP zu bestimmen:

BedingungDefinitionTypische RVRBetriebsmaßnahmen
1Normale visuelle Überwachung durch Piloten/ATC>1200 mKeine LVP erforderlich
2Piloten können visuell rollen; ATC sieht nicht1000–400 mLVP-Vorbereitung; Schutzmaßnahmen beginnen
3Weder Piloten noch ATC haben Sichtkontrolle400–75 mVolle LVP; maximaler Schutz
4Piloten können nicht visuell rollen<75 mMaximale LVP; A-SMGCS erforderlich

Anflugkategorien und Mindestwerte

KategorieEntscheidungshöheRVRVisuelle Referenz
CAT I≥200 ft≥550 mAnflug-/Runway-Beleuchtung
CAT II<200–100 ft≥350 mRunway-Beleuchtung/Markierung
CAT IIIA<100 ft/keine≥200 mLichter/Markierungen
CAT IIIB<50 ft/keine50–200 mLichter/Markierungen
CAT IIICkeine DHkein RVR-LimitNicht im Einsatz (keine visuelle Referenz)

Beispielbild CAT II/III-Haltepunkte:

Beispiel für CAT II/III-Haltepunktmarkierung

Auslösung und Umsetzung von LVP

Die Aktivierung von LVP basiert auf RVR- und Wolkenuntergrenzemessungen, typische Auslöser sind:

  • Beginn der Schutzmaßnahmen: RVR ≤ 1000 m oder Wolkenuntergrenze ≤ 300 ft.
  • Volle LVP: RVR < 550 m oder Untergrenze < 200 ft.
  • LVTO: Start ist bei RVR bis zu 400 m möglich, wenn alle Vorgaben erfüllt sind.

Aktivierungsablauf

  1. Überwachung der Wetterdaten (METAR, RVR-Sensoren).
  2. Einleitung der Schutzmaßnahmen durch Rückzug nicht notwendiger Aktivitäten.
  3. Information aller Beteiligten und Überprüfung aller Systeme (Stop-Bars, Haltepunkte).
  4. Formale Bekanntgabe der LVP durch ATC via Funk/NOTAM.
  5. Durchsetzung betrieblicher Einschränkungen und positiver Kontrolle.
  6. Aufrechterhaltung der LVP, bis sich die Bedingungen bessern und der Schutz aufgehoben wird.

Verfahrens- und Betriebsanforderungen

Flughafenbetreiber

  • Entwicklung und regelmäßige Überprüfung der LVP-Pläne für Infrastruktur und Betrieb.
  • Rückzug nicht notwendiger Personen/Fahrzeuge und Schutz der ILS-/Runway-Bereiche.
  • Wartung und Prüfung visueller Hilfsmittel (Markierungen, Beleuchtung).
  • Koordination mit ATC und Sicherstellung der Schulung aller Beteiligten.

Flugsicherung (ATC)

  • Überwachung des Wetters und Aktivierung von LVP bei Bedarf.
  • Kommunikation des LVP-Status an alle Parteien.
  • Erhöhung der Mindestabstände und Durchsetzung positiver Kontrolle.
  • Nutzung von SMR/A-SMGCS zur Bodenüberwachung.
  • Verbot bedingter Freigaben und Nutzung von CAT II/III-Haltepunkten.

Piloten

  • Sicherstellen, dass Flugzeug und Besatzung für LVP qualifiziert/ausgerüstet sind.
  • Überprüfung des LVP-Status und Einhaltung publizierter Mindestwerte.
  • Strikte Befolgung von Roll- und Halteanweisungen sowie Erhalt des Situationsbewusstseins.

Gefahren und Risikominderung

Zentrale Gefahren

  • Runway Incursions durch mangelndes Situationsbewusstsein.
  • Kollisionen beim Rollen, Start oder Landung.
  • ILS-Signalstörungen durch Verletzung kritischer/sensibler Bereiche.
  • Verzögerte Notfallreaktion.

Maßnahmen zur Minderung

  • Einsatz von SMR/A-SMGCS zur Überwachung.
  • Nutzung beleuchteter Stop-Bars, Warnbefeuerung und klarer Beschilderung.
  • Einschränkung nicht notwendiger Aktivitäten und Durchsetzung positiver Kontrolle.
  • Vereinfachung der Rollwege und Einsatz von Follow-Me-Fahrzeugen.
  • Regelmäßige LVP-Übungen und koordinierte Zusammenarbeit aller Stellen.

Oberflächengestützte Führung und Kontrolle

SMGCS bietet strukturierte Führung – Markierungen, Beleuchtung, verfahrensorientierte Kontrolle.
A-SMGCS ergänzt Automatisierung, Überwachung und Alarme, essenziell bei RVR unter 400 m.

  • CAT II/III-Haltepunkte: Weiter von der Runway entfernt, schützen das ILS.
  • Stop-Bars: Rote Lichter quer über Rollwege, leuchten zur Verhinderung unerlaubten Runway-Zugangs.
  • Guard Lights: Blinkende/gelbe Lichter an Rollwegeinmündungen als zusätzliche Warnung.

Praktische Anwendungsbeispiele

Beispiel 1: LVP-Auslösung

Nebel senkt die RVR auf 500 m; ATC leitet Schutzmaßnahmen ein, zieht Fahrzeuge zurück, aktiviert Stop-Bars und informiert alle Nutzer. CAT II/III-Haltepunkte werden durchgesetzt und individuelle Rollfreigaben erteilt.

Beispiel 2: Rollen unter LVP

Ein landendes Flugzeug bei RVR 350 m stoppt am CAT III-Haltepunkt; ATC gibt nachfolgend Rollfreigaben, überwacht per Bodenradar, bei Bedarf mit Follow-Me-Fahrzeug.

Beispiel 3: Simulationsnetzwerke

Auf Plattformen wie IVAO wird LVP simuliert, wenn veröffentlichte Mindestwerte unterschritten werden. Echte Verfahren werden zu Trainingszwecken nachgebildet, einschließlich Haltepunkten und erhöhter ATC-Wachsamkeit.

Ausführliches Glossar

Flughafenbetreiber: Verantwortlicher für den gesamten Flughafenbetrieb und die Sicherheit, einschließlich LVP.

Vorstartbereich (Apron): Flugzeugpark- und Ladefläche, meist außerhalb des LVP-Geltungsbereichs, es sei denn, sie grenzt an Bewegungsflächen.

Bedingte Freigabe: ATC-Freigabe, die an eine Bedingung geknüpft ist (z. B. „Line up after landing aircraft passes“); während LVP nicht zulässig.

Kritischer Bereich (ILS/PAR): Definierter Bereich um Navigationsantennen, der während LVP geschützt werden muss.

Entscheidungshöhe (DH): Höhe im Anflug, bei der der Pilot anhand visueller Anhaltspunkte über Fortsetzung oder Durchstart entscheidet.

Enhanced Vision System (EVS): Cockpit-Technologie (z. B. Infrarot), die die Sicht bei schlechten Bedingungen verbessert und RVR-Mindestwerte potenziell reduziert.

Foreign Object Debris (FOD): Fremdkörper auf dem Flugplatz, bei geringer Sicht besonders gefährlich.

Haltepunkt: Markierte Haltestelle für Flugzeuge/Fahrzeuge, mit CAT II/III-Varianten für LVP.

Instrumentenlandesystem (ILS): Präzisionsanflughilfe, deren sensible Bereiche während LVP besonders geschützt werden müssen.

Bewegungsrate: Anzahl der Flugbewegungen, die der Flughafen sicher abwickeln kann – bei LVP reduziert.

NOTAM: ‘Notice to Airmen’, zur Veröffentlichung von LVP-Aktivierung/Aufhebung.

Runway Incursion: Unbefugtes Betreten einer Runway, bei LVP besonders riskant.

Schutzmaßnahmen (Safeguarding): Maßnahmen zum Schutz von Runways und Navigationssignalen während LVP.

Stop-Bar: Reihe roter Lichter an Haltepunkten, leuchtet zur Verhinderung unbefugten Runway-Zugangs.

Surface Movement Radar (SMR): Radar zur Verfolgung von Bewegungen am Boden, bei geringer Sicht unverzichtbar.

Literaturhinweise

  • ICAO Annex 14, Volume I – Aerodrome Design and Operations
  • UK CAA CAP 168 – Licensing of Aerodromes
  • FAA Order 8000.94A/B – Low Visibility Operations/SMGCS
  • UAE AMC-44 – Acceptable Means of Compliance for LVP

Zusammenfassung

Verfahren bei geringer Sicht (LVP) sind für die Sicherheit am Flughafen bei schlechtem Wetter essenziell. Sie ermöglichen durch eine Kombination aus behördlicher Kontrolle, moderner Technik und strikter Disziplin einen sicheren und effizienten Betrieb von Flugzeugen und Fahrzeugen, auch wenn die Sicht stark eingeschränkt ist. Ihr Erfolg beruht auf dem koordinierten Zusammenwirken von Flughafenbetreiber, ATC, Piloten und Bodenpersonal – unterstützt durch kontinuierliche Schulung, robuste Systeme und klare Kommunikation.

Für weitere Beratung oder Unterstützung bei der Umsetzung kontaktieren Sie uns oder erfahren Sie mehr über unsere Luftfahrtsicherheitsdienstleistungen .

Häufig gestellte Fragen

Wann werden Verfahren bei geringer Sicht (LVP) aktiviert?

LVP werden aktiviert, wenn die Runway Visual Range (RVR) oder die Wolkenuntergrenze unter die für Standardbetriebe festgelegten Mindestwerte fällt – typischerweise durch Nebel, starken Regen oder tiefe Wolken. Jeder Flughafen hat präzise Auslösewerte – oft RVR unter 550 Meter oder Wolkenuntergrenze unter 200 Fuß – die im Betriebshandbuch definiert und auf ICAO- sowie nationale Vorschriften abgestimmt sind.

Was sind die Hauptbestandteile von LVP an einem Flughafen?

LVP umfassen das Entfernen nicht notwendiger Fahrzeuge und Personen aus Bewegungsflächen, das Aktivieren von CAT II/III-Haltepunkten, die Nutzung von Stop-Bars und Warnbefeuerung, strenge ATC-Kontrolle sowie den Schutz kritischer und sensibler ILS-Bereiche. Fortgeschrittene Bodenführungssysteme (SMGCS/A-SMGCS) sowie verbesserte Beleuchtung und Beschilderung sind ebenfalls zentrale Bestandteile.

Warum sind LVP für die Flughafensicherheit wichtig?

LVP verhindern Runway Incursions, den Verlust des Situationsbewusstseins und Störungen von Präzisionsanflug-Signalen bei geringer Sicht. Ohne LVP steigt das Risiko von Kollisionen, Signalstörungen und Betriebsfehlern erheblich an.

Wie beteiligen sich Piloten und Bodenpersonal an LVP?

Piloten müssen für LVP qualifiziert sein und strengere Roll-, Start- und Landeprozeduren einhalten, darunter die Nutzung vorgegebener Haltepunkte und das Überprüfen der Mindestwerte. Bodenpersonal und Fahrzeugführer benötigen spezielle Schulungen, folgen festgelegten Wegen und Einschränkungen und stimmen sich eng mit der ATC ab.

Welche Technik unterstützt Bodenoperationen bei geringer Sicht?

Surface Movement Radar (SMR), Advanced Surface Movement Guidance and Control Systems (A-SMGCS), beleuchtete Stop-Bars, Runway Guard Lights sowie klare Markierungen und Beschilderung tragen alle dazu bei, während LVP Sicherheit und Effizienz zu gewährleisten.

Sichere Abläufe bei jedem Wetter gewährleisten

Steigern Sie die Sicherheit und Betriebskontinuität Ihres Flughafens bei geringer Sicht mit fortschrittlicher LVP-Planung, Systemen und Schulungen. Erfahren Sie, wie moderne Protokolle und Technologien Bewegungen auch bei herausfordernden Wetterbedingungen sicher und effizient halten.

Mehr erfahren

Flugbetrieb bei geringer Sicht (LVO)

Flugbetrieb bei geringer Sicht (LVO)

Flugbetrieb bei geringer Sicht (LVO) sind spezialisierte Verfahren und Technologien, die einen sicheren Betrieb von Flugzeugen – Landungen, Starts und Rollbeweg...

7 Min. Lesezeit
Aviation Airport Operations +4
LVO (Low Visibility Operations)

LVO (Low Visibility Operations)

LVO (Low Visibility Operations) in der Luftfahrt sind spezialisierte Verfahren, Technologien und regulatorische Rahmenbedingungen, die sichere Flugzeugbewegunge...

7 Min. Lesezeit
Aviation Safety +4
Geringe Sichtweite

Geringe Sichtweite

Geringe Sichtweite in der Luftfahrt beschreibt Bedingungen, bei denen die Fähigkeit eines Piloten, Objekte zu sehen und zu identifizieren, unter die behördliche...

5 Min. Lesezeit
Weather Safety +2