Anflugwinkel

Aviation Flight Procedures Safety Instrument Landing

Anflugwinkel (Vertikaler Sinkwinkel, Gleitwinkel, Sinkflugwinkel)

Der Anflugwinkel – auch als vertikaler Sinkwinkel (VDA), Gleitwinkel oder Sinkflugwinkel bezeichnet – ist der definierte Winkel zwischen dem Endanflugpfad eines Flugzeugs und der Horizontalebene der Landebahn. Dieser Winkel ist sowohl für Instrumenten- als auch Sichtlandeverfahren grundlegend und stellt sicher, dass Flugzeuge einem sicheren, vorhersehbaren und standardisierten Flugpfad bis zur Landebahnschwelle folgen. Der allgemein anerkannte Standard für den Anflugwinkel beträgt 3 Grad, wie von der International Civil Aviation Organization (ICAO) und der Federal Aviation Administration (FAA) festgelegt, um Sicherheit, Leistung, Komfort und Flughafeninfrastruktur in Einklang zu bringen.

Wo wird der Anflugwinkel verwendet?

  • Instrumentenanflugverfahren: Veröffentlicht auf Anflugkarten für ILS, GLS, LPV und RNAV-Anflüge; in Avionik wie FMS und Autopiloten programmiert.
  • Sichtanflüge: Visuelle Hilfen wie PAPI und VASI sind auf den Standardwinkel kalibriert.
  • Flugplanung: Dient zur Berechnung von Sinkflugprofilen und Querungshöhen im Anflug.
  • Flughafendesign: Beeinflusst Landebahnanordnung, Hindernisfreizonen und Positionierung von Befeuerungssystemen.
  • Pilotenbriefings: Ein wesentlicher Bestandteil von Anflug- und Landechecklisten.

Wichtige Punkte:

Standard-Anflugwinkel: ICAO- und FAA-Normen

Der 3-Grad-Standard

Ein 3-Grad-Anflugwinkel ist die internationale Norm für Präzisionsanflüge. Sowohl ICAO PANS-OPS (Doc 8168) , ICAO Annex 14 als auch FAA TERPS spezifizieren diesen Winkel für die meisten Instrumenten- und Sichtverfahren.

Warum 3 Grad?

  • Hindernisfreiheit: Gewährleistet einen sicheren Abstand zu Gelände und Hindernissen.
  • Flugzeugleistung: Entspricht den aerodynamischen Sinkflugeigenschaften der meisten Verkehrsflugzeuge und Turboprops.
  • Passagierkomfort: Minimiert abrupte Höhenänderungen.
  • Landebahnnutzung: Sichert eine Landung nahe der Schwelle und maximiert die verfügbare Bremsstrecke.
  • Schulung und Vorschrift: Standardisierung vereinfacht Pilotenausbildung und Verfahrensgestaltung.

Mathematische Umrechnung

  • Ein 3°-Anflug ergibt eine Sinkrate von etwa 318 Fuß pro nautischer Meile (ft/NM).
  • Das Verhältnis horizontal zu vertikal beträgt etwa 19:1.
Winkel (deg)Sinkflug (ft/NM)Horizontal:Vertikal
2,526223:1
3,031819:1
3,537116:1
5,557610:1

Quellen:

Berechnungsmethoden und praktische Regeln

1. 60:1-Regel

Eine Faustregel für die Sinkflugplanung:

  • Jeder 1 Grad Anflug = 100 ft/NM Sinkflug.
  • Für 3 Grad: 3 × 100 = 300 ft/NM (tatsächlich sind es 318 ft/NM).

Beispiel:
Bei 10 NM, 3.000 ft über der Landebahn = 300 ft/NM ≈ 3°.

2. Sinkratenformel (VSI-Berechnung)

[ \text{Sinkrate (ft/min)} = \text{Geschwindigkeit über Grund (kts)} \times 5 ]

Beispiel:
140 Knoten Geschwindigkeit über Grund → 140 × 5 = 700 ft/min

3. Die Dreierregel

Zur Planung des Top of Descent:

  • Zu verlierende Höhe (in Tausend Fuß) × 3 = benötigte NM bei 3°.

Beispiel:
8.000 ft zu verlieren → 8 × 3 = 24 NM vor der Landebahn.

4. VNAV- und FMS-Automatisierung

Moderne Avionik berechnet und zeigt den erforderlichen Anflugwinkel und vertikalen Pfad in Echtzeit an und berücksichtigt dabei Wind, Geschwindigkeit und Höhenbeschränkungen.

Betriebliche Faktoren, die den Anflugwinkel beeinflussen

Flugzeugleistung

  • Aerodynamische Optimierung: Flugzeuge sind für kontrollierte Anflüge mit 3° ausgelegt.
  • Konfigurationsmanagement: Klappen- und Fahrwerksausfahrt ermöglicht bei Bedarf steilere Anflüge.
  • Gewicht und Geschwindigkeit: Höhere Landegewichte verändern Geschwindigkeit und Sinkrate, aber nicht den Winkel.
  • Triebwerksmanagement: Geringe Leistung im Sinkflug muss aus Triebwerksgründen berücksichtigt werden.

Umwelt- und Verfahrensfaktoren

  • Wetter: Wind, Turbulenzen und Windscherung können die erforderliche Sinkrate verändern.
  • Platzhöhe: Hohe oder heiße Flughäfen erfordern sorgfältige Sinkflugplanung.
  • Landebahnneigung: Abschüssige oder kontaminierte Bahnen können Anpassungen erfordern.
  • Hindernisse: Gelände oder Bauwerke können nicht standardmäßige Winkel erfordern.
  • Anflugart: Präzisionsanflüge bieten vertikale Führung; Nichtpräzisionsanflüge nicht.

Anflugarten und zugehörige Führung

AnflugkategorieVertikale FührungTypischer WinkelBemerkungen
Präzision (ILS/GLS/LPV)Elektronisch3,0°Am häufigsten, weltweit standardisiert
APV (Baro-VNAV/SBAS/LPV)Berechnet3,0–3,2°Geringe Abweichungen möglich
Nichtpräzision (VOR/NDB/LOC)Nur HinweisVariiertPilot steuert vertikales Profil
Sichtanflug (PAPI/VASI)Visuell3,0°Lichter auf Standardwinkel kalibriert
Steilanflug (z. B. EGLC)Speziell≥5,5°Erfordert spezielle Genehmigung/Schulung

Flugplanung und Anflugbriefing

Standardvorgehen:

  • Überprüfung des Anflugwinkels und der Schwellenüberflughöhe (TCH) auf der Anflugkarte.
  • Briefing zu Sinkrate, Geschwindigkeit, Konfiguration und eventuellen Beschränkungen.

Beispiel (Boeing 737, ILS 27):

  • “Anflugwinkel 3°, TCH 50 ft, Ziel-Sinkrate 700 ft/min bei 140 kts.”

Regulatorischer Kontext und internationale Standards

US-FAA-Vorschriften

  • FAA Order 8260.3 (TERPS): 3°-Standard für Instrumentenanflüge.
  • Instrument Procedures Handbook: Erläutert Sinkwinkel und Anflugminima.
  • AIM: Beschreibt stabilisierte Anflugverfahren.

ICAO-Standards

  • Annex 14: Schreibt Anflugwinkel für Landebahnen vor.
  • PANS-OPS (Doc 8168): Kriterien für die Gestaltung von Anflugverfahren.
Regulatorische ReferenzVorgabe
FAA TERPS3°-Standard für Präzisionsanflüge
ICAO Annex 143° nominal, Abweichungen zulässig
FAA AIMAnforderungen an stabilisierte Anflüge

Sicherheit, Passagierkomfort und Flughafenbau

Sicherheit

  • Hindernisfreiheit: Sichert ausreichenden Abstand zu Gelände und Bauwerken.
  • Stabilisierte Anflüge: Reduziert das Risiko instabiler oder unsicherer Landungen.
  • Vorhersehbarkeit: Ermöglicht zuverlässige Nutzung von Automatisierung und konsistenter Ausbildung.

Passagierkomfort

  • Druckänderungen: Minimiert schnelle Schwankungen und steigert den Komfort.
  • Sanftheit: Vorhersehbarer Sinkflug verbessert das Passagiererlebnis.

Flughafenbau

  • Landebahnlänge: Standardwinkel gewährleistet effiziente Nutzung.
  • Befeuerungssysteme: ILS und PAPI/VASI sind für den Standardwinkel kalibriert.
  • Hindernisfreiflächen: Werden auf Basis des Standard-Anflugwinkels konzipiert.

Sonderfälle und spezielle Szenarien

Steilere Anflüge

  • London City Airport (EGLC): 5,5°-Anflug; erfordert spezielle Flugzeug- und Crewzulassung.
  • Gebirgsflughäfen: (z. B. Innsbruck, Paro) können steilere oder gekrümmte Anflüge erfordern.
  • Lärmschutz: Einige Flughäfen setzen steilere Winkel zur Lärmminderung ein.
  • Short Field/STOL: Steile Anflüge bei Landebahnen unter 1.200 m.

Flachere Anflüge

  • Hindernisfreie Flughäfen: Ermöglichen ggf. <3° nur bei Einhaltung der Sicherheitsmargen, aber selten.
  • Vorsicht: Flachere Anflüge bedeuten geringere Hindernisfreiheit und werden für Instrumentenanflüge nicht empfohlen.

Jede Abweichung von 3° erfordert behördliche Genehmigung und spezielle Schulung.

Beispielanflüge: Anwendungsfälle

Beispiel 1: Standard-ILS-Anflug

  • Verfahren: ILS RWY 27, Gleitwinkel 3,00°
  • Flugzeug: Boeing 737
  • Geschwindigkeit über Grund: 140 Knoten
  • VSI: 700 ft/min
  • Briefing: “Gleitpfad erfasst, 3-Grad-Winkel, Schwellenüberflug bei 50 ft, Ziel-Sinkrate 700 ft/min.”

Beispiel 2: RNAV (GPS) Baro-VNAV-Anflug

  • Verfahren: RNAV (GPS) Y RWY 12, VDA 3,10°
  • Flugzeug: Airbus A320
  • FMS: Winkel eingeben, VNAV-Pfad überprüfen.

Beispiel 3: Steilanflug (London City)

  • Verfahren: ILS RWY 09, Gleitwinkel 5,5°
  • Flugzeug: Embraer 190 (zugelassen)
  • Hinweis: VSI bis zu 1.400 ft/min, spezielle Crew-/Flugzeugzulassung.

Übersichtstabelle: Häufige Anflugwinkel-Szenarien

AnflugtypTypischer WinkelFührungstypBemerkungen
Präzision (ILS/GLS/LPV)3,00°ElektronischWeltweiter Standard
RNAV (GPS) VNAV3,00–3,20°BerechnetKann bei Gelände/Hindernissen abweichen
Visuell (PAPI/VASI)3,00°VisuellLichter auf Standard kalibriert
Steilanflug (EGLC)≥5,5°SpeziellSpezielle Genehmigungen erforderlich
Nichtpräzision (VOR/NDB)VariiertHinweisPilot verantwortlich für vertikalen Pfad

Verfahrens-Checkliste: Anflugwinkel berechnen und fliegen

  1. Anflugkarte prüfen: Veröffentlichten Winkel und Schwellenüberflughöhe bestätigen.
  2. Konfiguration festlegen: Flugzeuggewicht, Klappen-/Fahrwerksstellung und Anfluggeschwindigkeit prüfen.
  3. VSI berechnen: Formel: VSI = Geschwindigkeit über Grund × 5 (für 3°).
  4. Instrumente überwachen: ILS-Gleitweg, FMS-VNAV oder visuelle Gleitweggeber verfolgen.
  5. Anpassen: Wind, Turbulenzen oder Landebahnneigung berücksichtigen.
  6. Crew briefen: Anflugwinkel und besondere Aspekte besprechen.
  7. Überprüfung: Mit Höhenmesser und DME Position und Gleitweg kontrollieren.

Regulatorische und branchenspezifische Referenzen

Häufig gestellte Fragen

Warum ist der Standard-Anflugwinkel auf 3 Grad festgelegt?

Ein Anflugwinkel von 3 Grad bietet einen ausgewogenen Pfad, der Hindernisfreiheit, effiziente Flugzeugleistung, Passagierkomfort und optimale Nutzung der Landebahn sicherstellt. Es ist ein internationaler Standard, der von ICAO und FAA für die meisten Präzisions- und Nichtpräzisionsanflüge festgelegt ist.

Wie berechnen Piloten die erforderliche Sinkrate für einen Anflug?

Piloten multiplizieren in der Regel ihre Geschwindigkeit über Grund in Knoten mit 5, um die erforderliche Sinkrate in Fuß pro Minute für einen Anflugwinkel von 3 Grad zu schätzen. Zum Beispiel beträgt die erforderliche Sinkrate bei 140 Knoten etwa 700 Fuß pro Minute.

Gibt es Situationen, die steilere oder flachere Anflugwinkel erfordern?

Ja. Steilere Winkel (z. B. 5,5° am London City Airport) können aufgrund von Gelände, Hindernissen oder kurzen Landebahnen erforderlich sein und benötigen eine spezielle Flugzeugzulassung und Crew-Schulung. Flachere Winkel sind selten und werden nur verwendet, wenn die Hindernisfreiheit kein Problem darstellt.

Was ist der Unterschied zwischen Präzisions- und Nichtpräzisionsanflügen bezüglich des Anflugwinkels?

Präzisionsanflüge (wie ILS) bieten eine elektronische vertikale Führung in einem veröffentlichten Winkel, typischerweise 3°. Nichtpräzisionsanflüge veröffentlichen möglicherweise nur einen unverbindlichen vertikalen Sinkwinkel (VDA), wobei das Management des vertikalen Profils dem Piloten überlassen bleibt.

Wie beeinflusst der Anflugwinkel den Passagierkomfort?

Ein standardisierter Anflugwinkel wie 3° führt zu einem sanften und vorhersehbaren Sinkflug, wodurch plötzliche Höhen- und Kabinendruckänderungen reduziert und somit Unannehmlichkeiten und das Risiko von Barotrauma für die Passagiere minimiert werden.

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