GNSS (Globales Navigationssatellitensystem)

Navigation Aviation Satellite Positioning

GNSS (Globales Navigationssatellitensystem)

Überblick

Ein Globales Navigationssatellitensystem (GNSS) ist eine weltraumgestützte Infrastruktur, die weltweit Dienste zur Positionsbestimmung, Navigation und Zeitmessung (PNT) bereitstellt. GNSS besteht aus Satellitenkonstellationen im Orbit, Bodenkontrollsegmenten und Benutzereempfängern. Durch das Senden präzise getakteter Funksignale ermöglicht GNSS jedem entsprechend ausgestatteten Empfänger – zu Land, zu Wasser oder in der Luft – die Bestimmung seiner geografischen Lage (Breite, Länge, Höhe) und Zeit überall auf der Erde, sofern eine ungehinderte Sicht auf mehrere Satelliten besteht.

Die GNSS-Technologie hat Navigation, Geowissenschaften und kritische Infrastrukturen weltweit revolutioniert. Sie ist unverzichtbar in der Luftfahrt, der Schifffahrt, im Landverkehr, in der Telekommunikation, Energieversorgung, im Bankwesen, in der wissenschaftlichen Forschung, im Notfallmanagement sowie im täglichen Verbraucheralltag.

Wichtige GNSS-Konstellationen

Vier globale GNSS-Konstellationen bieten weltweite Abdeckung, ergänzt durch mehrere regionale Systeme, die die Leistung in bestimmten Gebieten verbessern:

  • GPS (Global Positioning System): Wird von den Vereinigten Staaten betrieben, war das erste operationelle GNSS und ist weiterhin das weltweit am häufigsten genutzte. Die Konstellation besteht aus mindestens 24 Satelliten in mittlerer Erdumlaufbahn (MEO), die auf mehreren Frequenzen für zivile und militärische Zwecke senden.

  • GLONASS: Das russische GNSS, ähnlich aufgebaut wie GPS, jedoch mit anderen Frequenzen und Bahnneigungen, bietet insbesondere in hohen Breiten eine robuste Abdeckung.

  • Galileo: Das System der Europäischen Union mit fortschrittlichen Signalstrukturen, Interoperabilität und hoher Genauigkeit sowie Integritätsmerkmalen (wie Signalauthentifizierung).

  • BeiDou (BDS): Das chinesische GNSS nutzt eine hybride Konstellation aus MEO-, geostationären (GEO) und geneigten geosynchronen (IGSO) Satelliten und bietet globale sowie regional erweiterte Dienste.

Regionale Systeme

  • QZSS (Quasi-Zenith Satellite System): Das japanische System konzentriert sich auf verbesserte Abdeckung und Genauigkeit in Asien-Ozeanien, insbesondere in urbanen und bergigen Regionen.

  • NavIC (Navigation with Indian Constellation): Das indische regionale System bietet hochgenaue Dienste auf dem indischen Subkontinent und in angrenzenden Regionen.

Die meisten modernen Empfänger sind multi-konstellations- und multifrequenzfähig und kombinieren Signale verschiedener Systeme, um Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Belastbarkeit unter schwierigen Bedingungen zu erhöhen.

Funktionsweise von GNSS

Trilateration

Trilateration ist das grundlegende Verfahren, mit dem GNSS-Empfänger die Position berechnen. Durch die Messung der Zeitverzögerung von Funksignalen von mindestens vier Satelliten berechnet ein Empfänger die Entfernung zu jedem Satelliten. Diese Entfernungen definieren sich schneidende Kugeln; deren Schnittpunkt bestimmt die Position des Empfängers und korrigiert dessen interne Uhr.

  • Mindestens vier Satelliten: Notwendig zur Bestimmung von Breite, Länge, Höhe und Zeitfehler.
  • Zeitgenauigkeit: Entscheidend, da selbst Fehler im Nanosekundenbereich zu Meterabweichungen bei der Positionsbestimmung führen können.

Satellitenbahnen

GNSS-Satelliten kreisen typischerweise in der mittleren Erdumlaufbahn (MEO) (etwa 19.000–23.000 km Höhe) und sind in mehreren Bahnebenen angeordnet, um eine kontinuierliche, sich überlagernde Abdeckung zu gewährleisten. Dadurch ist sichergestellt, dass Nutzern stets genügend Satelliten zur Positionsbestimmung zur Verfügung stehen.

Einige Systeme nutzen zusätzlich geostationäre oder geneigte Orbits (GEO/IGSO) für regionale Ergänzung und Kommunikation.

Signalstruktur

GNSS-Satelliten senden auf L-Band-Frequenzen (1–2 GHz), die für die zuverlässige Durchdringung der Atmosphäre und kompakte Antennen gewählt wurden. Die Signale beinhalten:

  • Ephemeriden: Präzise Satellitenbahn- und Uhrendaten.
  • Almanach: Grobe Bahndaten aller Satelliten zur Unterstützung der Erfassung.
  • Pseudozufallscodes: Satellitenspezifische Codes zur Signalseparation.
  • Navigationsdaten: Integrität, Korrekturen und (bei einigen Diensten) Authentifizierung.

Die meisten Systeme nutzen Code Division Multiple Access (CDMA), sodass Signale verschiedener Satelliten unterschieden werden können.

GNSS-Leistungsmerkmale

Vier Hauptkriterien definieren die GNSS-Leistung:

  • Genauigkeit: Die Nähe der gemessenen Position bzw. Zeit zum wahren Wert. Typische zivile Genauigkeit: 3–5 Meter, submeter- oder zentimetergenaue Ergebnisse mit Augmentation möglich.
  • Integrität: Vertrauenswürdigkeit der Informationen und rechtzeitige Fehlerbenachrichtigung – entscheidend für sicherheitskritische Anwendungen.
  • Kontinuität: Wahrscheinlichkeit, dass der Dienst für die geforderte Dauer ohne Unterbrechung verfügbar bleibt.
  • Verfügbarkeit: Der Prozentsatz der Zeit, in der das System die genannten Anforderungen erfüllt.

Diese Kriterien werden für kritische Anwendungen wie die Luftfahrt von Organisationen wie der ICAO reguliert und standardisiert.

Fehlerquellen

Die Genauigkeit von GNSS kann durch folgende Faktoren beeinträchtigt werden:

  • Atmosphärische Verzögerungen:
    • Ionosphärische Verzögerung: Variabel, frequenzabhängig; durch Dualfrequenzempfänger oder Modelle korrigierbar.
    • Troposphärische Verzögerung: Wetterabhängig; durch Modelle und Korrekturen abmilderbar.
  • Mehrwegeffekte: Reflexionen an Oberflächen verursachen Signalverzögerungen, insbesondere in Städten.
  • Satelliten-/Empfängerfehler: Uhrenabweichungen und Bahndatenungenauigkeiten, minimiert durch Bodenüberwachung und Korrekturen.
  • Abschattung: Gebäude, Vegetation und Tunnel können Signale blockieren oder abschwächen.
  • Störungen: Jamming und Spoofing stellen für Sicherheit und kritische Infrastrukturen große Risiken dar.
  • Satellitengeometrie (DOP): Schlechte Verteilung der Satelliten erhöht die Unsicherheit.

Augmentationssysteme

Zur Verbesserung von Genauigkeit, Integrität und Verfügbarkeit von GNSS werden verschiedene Augmentationssysteme eingesetzt:

  • Satellite-Based Augmentation Systems (SBAS): Netzwerke wie WAAS (USA), EGNOS (EU), MSAS (Japan) und GAGAN (Indien) liefern Korrekturen und Integritätsinformationen in Echtzeit über geostationäre Satelliten und ermöglichen meter- bzw. submeter-genaue und hochintegre Navigation, z. B. für die Luftfahrt.

  • Ground-Based Augmentation Systems (GBAS): Lokale Korrekturen für Flughäfen und Häfen, die präzise Landungen und Hafenoperationen unterstützen.

  • Precise Point Positioning (PPP): Nutzt weltweit verteilte Referenzstationen, um Echtzeit-Korrekturen für Bahndaten und Uhren zu liefern und zentimetergenaue Positionen überall zu ermöglichen.

Wichtige Anwendungsbereiche

Wissenschaft und Geodäsie

  • Tektoniküberwachung: Plattenbewegungen, Krustenverformung und Meeresspiegelstudien.
  • Atmosphärenforschung: GNSS-Radiookklusion zur Profilierung der Atmosphäre für Wetter- und Klimaforschung.
  • Globale Zeitübertragung: Weltweite Synchronisation von Atomuhren.

Verkehr

  • Luftfahrt: Streckennavigation, RNAV, RNP, Präzisionsanflüge und -landungen.
  • Schifffahrt: Schiffsführung, Hafenbetrieb und Such- und Rettungsdienste.
  • Landverkehr: Fahrzeugnavigation, Flottenmanagement, Bahnsicherheit und intelligente Verkehrssysteme.

Industrie und Infrastruktur

  • Telekommunikation: Netzsynchronisation und -übergabe.
  • Energie: Netzphasensynchronisation und Fehlererkennung.
  • Bankwesen: Zeitstempelung von Transaktionen für Sicherheit und Audit.

Vermessung und Kartierung

  • Landvermessung: Schnelle, präzise Vermessung für Ingenieurwesen und Kataster.
  • Bau: Baustellenabsteckung, Überwachung und Maschinensteuerung.

Landwirtschaft

  • Präzisionslandwirtschaft: Automatisierte Steuerung, variable Ausbringung und Ertragsüberwachung.

Öffentliche Sicherheit

  • Notfalldienste: Genaue Anruferlokalisierung (E112/E911), Asset-Tracking und Katastrophenmanagement.

Neue Technologien

  • Autonome Fahrzeuge und Drohnen: Echtzeitnavigation und Sicherheit.
  • IoT: Asset-Tracking, intelligente Städte und Umweltmonitoring.

Standards und internationale Zusammenarbeit

GNSS wird durch internationale Standards und Arbeitsgruppen geregelt und harmonisiert:

  • International GNSS Service (IGS): Stellt präzise GNSS-Daten und -Korrekturen bereit.
  • International Committee on GNSS (ICG): UN-Forum für die Koordination und Interoperabilität der Anbieter.
  • ICAO: Definiert GNSS-Standards für die Luftfahrt in Bezug auf Sicherheit, Leistung und Verfahren.
  • RTCM: Entwickelt Datenformate für Differenzialkorrekturen und die Schifffahrtsnavigation.

Glossar der GNSS-Begriffe

  • GNSS: Globales Navigationssatellitensystem; Sammelbegriff für alle satellitengestützten PNT-Dienste.
  • GPS: US-amerikanisches GNSS; am weitesten verbreitet.
  • GLONASS: Russisches GNSS.
  • Galileo: GNSS der EU.
  • BeiDou: Chinesisches GNSS.
  • QZSS: Regionales GNSS für Japan.
  • NavIC: Regionales GNSS für Indien.
  • Trilateration: Positionsberechnung durch Entfernungsmessung zu mehreren Satelliten.
  • Ephemeriden: Präzise, zeitlich markierte Satellitenbahn- und Uhrendaten.
  • Almanach: Grobe, langfristige Bahndaten aller Satelliten.
  • SBAS: Satellitengestütztes Augmentationssystem.
  • GBAS: Bodenbasiertes Augmentationssystem.
  • PPP: Präzise Punktpositionierung.
  • DOP (Dilution of Precision): Maß für den Einfluss der Satellitengeometrie auf die Genauigkeit.
  • Mehrwegeffekte: Fehler durch reflektierte Signale.
  • Integrität: Vertrauenswürdigkeit und Fehlerbenachrichtigung der GNSS-Daten.
  • Kontinuität: Zuverlässigkeit des Dienstes über einen definierten Zeitraum.
  • Verfügbarkeit: Betriebsbereitschaft des Systems zur Einhaltung der Leistungskriterien.
  • Ionosphärische/Troposphärische Verzögerung: Atmosphärische Effekte, die GNSS-Signale verlangsamen.
  • Spoofing: Böswillige Aussendung falscher GNSS-Signale.
  • Jamming: Beabsichtigte oder unbeabsichtigte Störung von GNSS-Signalen.

Fazit

GNSS ist ein Grundpfeiler des modernen Lebens und ermöglicht präzise Navigation, verlässliche Zeitmessung und weltweite Konnektivität in allen Sektoren. Mit dem technologischen Fortschritt verbessert die Integration mehrerer Konstellationen und Augmentationssysteme weiterhin die Leistung, Widerstandsfähigkeit und Bandbreite der Anwendungen – von wissenschaftlicher Forschung bis hin zum alltäglichen Komfort.

Für Organisationen und Einzelpersonen ist das Verständnis von GNSS wesentlich, um dessen volles Potenzial für Innovation, Sicherheit und operative Exzellenz auszuschöpfen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist ein GNSS (Globales Navigationssatellitensystem)?

Ein GNSS ist ein System aus Satelliten und Bodenstationen, das weltweit genaue Informationen zu Position, Navigation und Zeit (PNT) bereitstellt. Mithilfe von Signalen mehrerer Satelliten bestimmen GNSS-Empfänger ihre geografische Lage (Breite, Länge, Höhe) sowie die genaue Zeit und ermöglichen so eine Vielzahl von Anwendungen in unterschiedlichsten Branchen.

Worin unterscheidet sich GNSS von GPS?

GPS (Global Positioning System) ist die US-amerikanische Umsetzung eines GNSS. Während GPS das am weitesten verbreitete GNSS ist, bezieht sich der Begriff GNSS auch auf andere globale (GLONASS, Galileo, BeiDou) und regionale (QZSS, NavIC) Satellitennavigationssysteme. Moderne Empfänger nutzen häufig Signale mehrerer Systeme für höhere Genauigkeit und Zuverlässigkeit.

Was sind die Hauptquellen für Fehler bei der GNSS-Positionsbestimmung?

Die Genauigkeit von GNSS kann durch atmosphärische Verzögerungen (Ionosphäre und Troposphäre), Mehrwegeffekte (Signalreflexionen), Satelliten-Uhr- und Bahndatenfehler, Empfängerstörungen, Signalabschattung (z. B. durch Gebäude oder Vegetation) sowie absichtliche oder unbeabsichtigte Störungen (Jamming, Spoofing) beeinträchtigt werden. Augmentationssysteme und fortschrittliche Empfänger helfen, diese Fehler zu minimieren.

Wie wird GNSS in der Luftfahrt und kritischen Infrastrukturen genutzt?

Die Luftfahrt nutzt GNSS für Streckennavigation, Flächenavigation (RNAV) und Präzisionsanflüge, unterstützt durch Augmentationssysteme für hohe Genauigkeit und Integrität. Die GNSS-Zeitmessung ist Grundlage für Telekommunikation, Stromnetze, Finanznetzwerke und Notfalldienste und sorgt für Synchronisation, Sicherheit und effiziente Abläufe.

Was sind Augmentationssysteme wie SBAS und PPP?

Augmentationssysteme verbessern die GNSS-Leistung. SBAS (Satellite-Based Augmentation System) nutzt Bodenstationen und geostationäre Satelliten, um Korrekturen und Integritätsinformationen zu senden und so Genauigkeit und Sicherheit etwa für die Luftfahrt zu erhöhen. PPP (Precise Point Positioning) stellt präzise Bahn- und Uhrenkorrekturen für zentimetergenaue Positionen bereit und wird in der Geodäsie, Vermessung und Automatisierung eingesetzt.

Was ist Trilateration im GNSS?

Trilateration ist das mathematische Verfahren, das GNSS zur Positionsbestimmung verwendet. Durch die Messung der Entfernung zu mindestens vier Satelliten (mittels Zeitverzögerung der empfangenen Signale) berechnet ein GNSS-Empfänger seine dreidimensionale Position und korrigiert seine interne Uhr.

Welche neuen GNSS-Anwendungen entstehen?

GNSS bildet die Grundlage für autonome Fahrzeuge, Drohnen, Präzisionslandwirtschaft, intelligente Städte, Asset-Tracking und das Internet der Dinge (IoT). Es unterstützt wissenschaftliche Forschung, Katastrophenhilfe und die weltweite Zeitsynchronisation für Finanz- und Kommunikationsnetzwerke.

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