Gleitwinkel

Aviation Flight Operations Approach Procedures Safety

Gleitwinkel – Umfassendes Glossar & Technische Analyse

Definition und Kontext

Der Gleitwinkel ist der vertikale Winkel zwischen der horizontalen Ebene der Landebahn und dem beabsichtigten Anflugpfad eines Flugzeugs während der Landung. Am häufigsten wird er auf 3 Grad eingestellt. Dieser Winkel ist sowohl bei Präzisions- als auch Nichtpräzisionsanflügen grundlegend, um Hindernisfreiheit, stabile Anflugprofile und einen optimalen Überflug der Landebahnschwelle—typischerweise etwa 50 Fuß über Grund—zu gewährleisten.

Der Gleitwinkel steht im Zentrum der Auslegung und des Betriebs von Anflugsystemen. Er wird in Präzisionssystemen wie dem Instrumentenlandesystem (ILS), satellitengestützten Anflügen wie Localizer Performance with Vertical guidance (LPV) sowie bei visuellen Hilfen wie dem Precision Approach Path Indicator (PAPI) und Visual Approach Slope Indicator (VASI) verwendet. Regulierungsbehörden wie ICAO und FAA standardisieren diesen Winkel für Sicherheit, Einheitlichkeit und weltweite Interoperabilität.

Piloten nutzen den Gleitwinkel im Anflug zur Steuerung des Sinkflugs, zur Konfiguration des Flugzeugs und zur Sicherstellung einer stabilisierten Landung. Der Winkel bestimmt Sinkraten, Anflugbesprechungen und Überprüfungen und ist zentral für das Pilotentraining, die Gestaltung von Anflugkarten und die Standardarbeitsverfahren von Fluggesellschaften.

Technische Beschreibung

Der Gleitwinkel dient als Referenz für elektronische und visuelle Führungssysteme:

  • ILS-Gleitweg: Der ILS-Gleitweg-Sender, meist 300 Meter von der Landebahnschwelle entfernt und seitlich versetzt, sendet zwei überlappende UHF-Signale (90 Hz und 150 Hz Modulationen). Ihre Überlappung bildet einen „Strahl“ im gewählten Winkel, meist 3 Grad, den die Flugzeuginstrumente als „auf dem Pfad“, „oberhalb“ oder „unterhalb“ auswerten.
  • Visuelle Gleitwinkelanzeigen (VGSI): PAPI- und VASI-Systeme nutzen farbcodierte Lichter zur visuellen Anzeige des Gleitwinkels. Bei PAPI bedeuten zwei rote und zwei weiße Lichter, dass das Flugzeug auf dem richtigen Pfad ist; mehr Rot oder Weiß zeigen, dass man unter- bzw. oberhalb des Gleitwinkels ist. Diese Systeme sind auf den elektronischen Pfad kalibriert, es sei denn, lokale Gegebenheiten erfordern Abweichungen.

ICAO-Standards spezifizieren Toleranzen und Installationsanforderungen, um Signalqualität, Winkelbreite und die Vermeidung von Falschanzeigen sicherzustellen. Der nutzbare Bereich des ILS-Gleitwegs beträgt beispielsweise typischerweise 1,4 Grad oberhalb und 0,4 Grad unterhalb des Sollwinkels.

Funktionsweise des Gleitwinkels

Elektronische Führung (ILS)

  • Der ILS-Gleitweg-Sender sendet zwei UHF-Signale, moduliert mit 90 Hz und 150 Hz.
  • Die Überlappung dieser Signale bildet eine „virtuelle Ebene“ im veröffentlichten Winkel.
  • Die Empfänger im Flugzeug messen, welche Modulation stärker ist; oberhalb des Pfads bedeutet „sink ab“, unterhalb „steig an“.
  • Piloten fangen den Gleitwinkel von unten auf der veröffentlichten Gleitwegabfanghöhe ab und nutzen Cockpitanzeigen, um auf dem Pfad zu bleiben.
  • Beim Überfliegen der Landebahnschwelle sollte das Flugzeug auf einem 3-Grad-Gleitwinkel etwa 50 Fuß über Grund sein, um eine sichere Landung im Zielbereich zu gewährleisten.

Visuelle Gleitwinkelsysteme

  • PAPI- und VASI-Anlagen sind entlang der Landebahn installiert und projizieren Lichtmuster, die dem richtigen Winkel entsprechen.
  • Piloten interpretieren diese Muster visuell für sofortige Korrekturen—zwei Rot/zwei Weiß bei PAPI zeigen den korrekten Pfad.
  • Sie sind bei Sichtflugbedingungen unerlässlich und dienen als Kontrolle beim Instrumentenanflug.

Satellitengestützte Führung (LPV)

  • Bei LPV- und RNAV(GPS)-Anflügen wird der Gleitpfad von der Avionik des Flugzeugs anhand von Positionsdaten und veröffentlichten Anflugverfahren berechnet.
  • Der vertikale Pfad entspricht einem 3-Grad-ILS-Gleitweg und wird im Cockpit angezeigt, sodass Piloten nahezu identische Hinweise erhalten.

Operative Anwendungsfälle und Beispiele

  • ILS-Anflug: Ein Flugzeug folgt dem Localizer zur lateralen Führung, fängt den Gleitwinkel von unten ab und hält den 3-Grad-Sinkflug bis zur Schwelle, überfliegt diese in 50 Fuß Höhe und setzt im Zielbereich auf.
  • LPV-Anflug: Wo kein ILS verfügbar ist, definiert das durch SBAS korrigierte GPS einen virtuellen 3-Grad-Gleitweg; die Avionik stellt ähnlich wie beim ILS Anzeigehinweise für einen stabilen Anflug bereit.
  • Sichtanflug (PAPI/VASI): Bei gutem Wetter richten sich Piloten nach den visuellen Anzeigelichtern für den 3-Grad-Pfad, um einen sicheren und stabilisierten Anflug zu gewährleisten.
  • Steilanflugbetrieb: Flughäfen wie London City erfordern aufgrund von Gelände oder Bebauung Winkel bis zu 5,5 Grad; hierfür sind spezielle Flugzeuge und Crew-Zertifizierungen notwendig.

Praktische Berechnungen

Sinkrate (3-Grad-Gleitwinkel)

Geschwindigkeit über Grund (kt)Erforderliche Sinkrate (ft/min)
90450
120600
150750

Formel:
Sinkrate (ft/min) = Geschwindigkeit über Grund (kt) × 5

Höhe vs. Entfernung bei 3 Grad

Entfernung zur Schwelle (NM)Höhe über Schwelle (ft)
51.500
3900
1300

Ein 3-Grad-Gleitwinkel ermöglicht eine beherrschbare Sinkrate, ausreichend Zeit für die Konfiguration und konsistente Hindernisfreiheit.

Gefahren, Fehler und besondere Überlegungen

  • Falscher Gleitweg: Oberhalb des echten Gleitweges erzeugte Harmonische können bei Abfangen von oben fälschlich erfasst werden und zu steilen, unsicheren Anflügen führen. Immer von unten abfangen.
  • Abweichungsrisiken: Oberhalb des Gleitwinkels drohen lange Landungen, unterhalb droht Bodenkontakt oder Hindernisberührung. Korrekturen oder Fehlanflug sind zwingend.
  • Nichtstandard-Gleitwinkel: Wo steilere oder flachere Winkel erforderlich sind, sind spezielle Briefings, Flugzeugfähigkeit und Training nötig.
  • Abweichungen zwischen VGSI und elektronischem Gleitweg: Wenn sich PAPI/VASI und ILS-Gleitwinkel unterscheiden, ist den regulatorischen Vorgaben zu folgen—häufig dem höheren Weg—unter Bezugnahme auf die Anflugkarte.

Faustregeln

  • Gleitwinkel immer von unten abfangen, um Falschanzeigen zu vermeiden.
  • Sinkrate für 3 Grad: Geschwindigkeit über Grund (kt) mal 5.
  • Bei 5 NM Entfernung zur Schwelle sollte man auf einem 3-Grad-Pfad 1.500 Fuß über der Schwelle sein.
  • Stabilisiert bei 1.000 ft AGL für IFR (500 ft für VFR), andernfalls Fehlanflug durchführen.

Vergleich: ILS, LPV, VGSI und andere Systeme

SystemFührungstypQuelleTypischer WinkelPräzisionsstatusHinweise
ILSLateral & VertikalBoden (UHF/VHF)ICAO-PräzisionGoldstandard für CAT I/II/III
LPVLateral & VertikalSatellit/SBASKeine ICAO-PräzisionEntspricht ILS, APV-Anflug
VGSINur VertikalVisuell/BeleuchtungKeine ICAO-PräzisionKann lokal abweichen
GLS, PARLateral & VertikalBoden/SatellitICAO/BenutzerspezifischEinsatz in bestimmten Regionen/Flughäfen

Stabilisiertes Anflugkriterium

Ein stabilisierter Anflug bedeutet, dass das Flugzeug bis zu einer bestimmten Mindesthöhe—typischerweise 1.000 Fuß über Grund bei Instrumentenanflügen und 500 Fuß über Grund bei Sichtanflügen—die richtige Geschwindigkeit, Konfiguration, Sinkrate und den korrekten Gleitweg einhält. Dies reduziert das Risiko und ist von ICAO, FAA und EASA vorgeschrieben.

Checkliste für einen stabilisierten Anflug:

  • Auf Gleitweg und Kurs
  • Korrekte Landekonfiguration
  • Zielgeschwindigkeit und Sinkrate (<1.000 ft/min, sofern nicht anders gebrieft)
  • Landekontrolle abgeschlossen

Regulatorischer Rahmen

  • ICAO Annex 10: ILS-Technikstandards, Gleitwegtoleranzen
  • ICAO Annex 14: Anforderungen an Landebahnen und Hindernisfreiheit
  • FAA AIM 1-1-9, 5-4-5: US-amerikanische Anflugstandards und -verfahren
  • EASA CS-ADR-DSN: Europäische Flugplatzgestaltung, Gleitwegbeleuchtung
  • IFALPA: Befürwortung von 3-Grad-Gleitwinkeln als globalen Standard

Verknüpfte Glossarbegriffe

  • Präzisionsanflug: Anflug mit lateraler und vertikaler Führung, z. B. ILS, PAR.
  • Missed Approach Point (MAP): Punkt, an dem bei fehlender Sichtreferenz ein Fehlanflug eingeleitet werden muss.
  • Visuelle Gleitwinkelanzeige (VGSI): Systeme wie PAPI und VASI, die visuell auf den Pfad/abseits des Pfads hinweisen.
  • Stabilisierter Anflug: Anflug mit stabiler Geschwindigkeit, Sinkrate, Konfiguration und Ausrichtung.
  • Hindernisfreiheit: Vertikaler/horizontaler Schutz, der sicherstellt, dass das Flugzeug beim Anflug Hindernisse nicht gefährdet.

Beispielszenario

ILS-Anflug auf Landebahn 27 mit PAPI: Ein Pilot bereitet einen ILS-Anflug auf Landebahn 27 vor. Die Anflugkarte bestätigt einen 3-Grad-Gleitwinkel und eine Überflughöhe an der Schwelle von 50 Fuß. Der Localizer wird abgefangen, der Gleitweg von unten auf der veröffentlichten Höhe erfasst. Der Pilot hält eine Sinkrate von 600 ft/min bei 120 Knoten, kontrolliert die ILS-Anzeigen mit dem PAPI (zwei Rot/zwei Weiß) und überfliegt die Schwelle in 50 Fuß Höhe, um eine sichere und stabilisierte Landung im Zielbereich zu gewährleisten.

Checkliste für die besten Pilotpraktiken zum Gleitwinkel

  • Vor dem Anflug: Veröffentlichte Gleitwinkel und Schwellenüberflughöhe prüfen. Auf Abweichungen zwischen ILS und VGSI achten.
  • Während des Anflugs: Von unten abfangen, Sinkrate überwachen, Höhe vs. Entfernung gegenprüfen und stabile Konfiguration sicherstellen.
  • Fehlervermeidung: Auf falschen Gleitweg achten, insbesondere bei Abfangen von oben. Bei Abweichung VGSI/ILS Anflugkarte und Vorschriften beachten.
  • Fehlanflug: Bei nicht stabilisiertem Anflug zur erforderlichen Höhe Fehlanflug einleiten.

Abschließende Hinweise

Der 3-Grad-Gleitwinkel ist ein weltweiter Standard, der Sicherheit, Hindernisfreiheit und Effizienz im Betrieb vereint. Die Beherrschung erfordert Kenntnisse der Sinkflugberechnung, Anflugkontrollen, Fehlererkennung und regulatorische Vorgaben. Nutzen Sie stets aktuelle Karten, beachten Sie Flugzeuggrenzen und entscheiden Sie stets zugunsten der Sicherheit.

Dieser Glossareintrag dient als technische und operative Referenz für Piloten, Ausbilder und Luftfahrtprofis, die ein vertieftes Verständnis der Bedeutung des Gleitwinkels für sichere, konsistente Anflug- und Landeoperationen suchen.

Häufig gestellte Fragen

Warum ist der Standardgleitwinkel auf 3 Grad festgelegt?

Ein Gleitwinkel von 3 Grad bietet optimale Hindernisfreiheit, beherrschbare Sinkraten für die meisten Flugzeuge und gewährleistet einen stabilen, vorhersehbaren Anflugpfad. Er wird von Aufsichtsbehörden wie ICAO, FAA und EASA aus Sicherheits- und Effizienzgründen weltweit angewandt.

Wie halten Piloten während des Anflugs den Gleitwinkel ein?

Piloten nutzen elektronische Führungssysteme wie ILS oder LPV oder visuelle Hilfen wie PAPI/VASI, um sich am veröffentlichten Gleitwinkel auszurichten. Sie passen Nickwinkel und Schub entsprechend an und orientieren sich an Cockpitanzeigen, Anflugkarten und visuellen Anhaltspunkten.

Was passiert, wenn ein Flugzeug einen falschen Gleitwinkel erfasst?

Das Erfassen eines falschen Gleitwinkels, typischerweise durch das Abfangen von oberhalb, kann zu gefährlich steilen Anflügen führen. Um dies zu verhindern, wird das Abfangen des Gleitwinkels von unten auf der veröffentlichten Höhe vorgeschrieben und bei Anomalien sofort ein Fehlanflug eingeleitet.

Gibt es Ausnahmen vom 3-Grad-Gleitwinkel an manchen Flughäfen?

Ja, an manchen Flughäfen werden aufgrund von Gelände, Hindernissen oder Umweltauflagen nicht standardisierte Gleitwinkel verwendet – entweder steiler (z. B. London City mit 5,5 Grad) oder flacher. Diese erfordern spezielle Verfahren, eine Zulassung des Flugzeugs und gezieltes Pilotentraining.

Wie wird die erforderliche Sinkrate für einen 3-Grad-Gleitwinkel berechnet?

Eine einfache Faustregel lautet: Sinkrate (ft/min) = Geschwindigkeit über Grund (kt) × 5. Zum Beispiel: Bei 120 Knoten ergibt sich eine Sinkrate von 600 ft/min für einen 3-Grad-Gleitwinkel.

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