Sichtanflug

Aviation ATC IFR Procedures Pilot Operations

Sichtanflug – Anflug anhand visueller Referenzen (Luftfahrtbetrieb)

Definition und regulatorischer Kontext

Ein Sichtanflug ist ein von der Flugsicherung (ATC) genehmigtes Verfahren, bei dem ein nach Instrumentenflugregeln (IFR) operierender Pilot vom Instrumentenflug zur Landung anhand visueller Anhaltspunkte übergehen darf. Dieser Übergang ist nur gestattet, wenn der Pilot den Flughafen oder das vorausfliegende Luftfahrzeug in Sicht hat und wolkenfrei bleiben kann. Obwohl im Rahmen von IFR-Operationen durchgeführt, ist der Sichtanflug kein veröffentlichtes Instrumentenanflugverfahren (IAP) und enthält kein definiertes Fehlanflugsegment.

Die ATC kann Sichtanflüge anbieten, um den Verkehrsfluss zu beschleunigen, die Arbeitsbelastung für Piloten und Lotsen zu vereinfachen und die Pistenkapazität, besonders bei gutem Wetter, zu erhöhen. Gemäß FAA Order 7110.65 und ICAO Doc 4444 sind Sichtanflüge nur für IFR-Flüge unter positiver ATC-Kontrolle und bei Einhaltung der Wetterminima (in der Regel 1.000 Fuß Wolkenuntergrenze und 3 Meilen Sichtweite) zulässig. Der Pilot muss die visuelle Referenz zum Flughafen oder vorausfliegenden Verkehr halten und bei Verlust der Sichtverbindung die ATC sofort informieren.

Sichtanflüge ermöglichen flexible, direkte Anflüge auf Flughäfen und sind daher bei guten Wetterbedingungen in verkehrsreichen Terminalbereichen besonders beliebt. Dennoch müssen Piloten stets bereit sein, auf Instrumentenverfahren zurückzugreifen, wenn sich die Bedingungen verschlechtern oder dies von der ATC angeordnet wird.

Zweck und betrieblicher Einsatz

Der Hauptzweck eines Sichtanflugs ist es, die Ankunft und Staffelung von IFR-Verkehr, insbesondere in verkehrsreichen oder komplexen Lufträumen oder bei gutem Wetter, zu beschleunigen. Indem Piloten der visuelle Anflug auf den Flughafen gestattet wird, kann die ATC das Vektoring reduzieren, Höhen- und Kursänderungen minimieren und Ankünfte effizienter staffeln. Diese Flexibilität ist besonders wertvoll bei hohem Verkehrsaufkommen oder wenn schnelle Wetteränderungen Sichtflugbedingungen ermöglichen.

Sichtanflüge werden sowohl an kontrollierten als auch an unkontrollierten Flughäfen häufig genutzt. An kontrollierten Flughäfen hält die ATC die Staffelung bis der Pilot diese visuell übernimmt. An unkontrollierten Flughäfen werden Piloten angewiesen, auf die Beratungsfrequenz zu wechseln und sich mit anderem Verkehr abzustimmen. In jedem Fall wird der Anflug nur genutzt, wenn das Wetter eine sichere und kontinuierliche Sicht zum Flughafen oder vorausfliegenden Luftfahrzeug ermöglicht.

Vorteile von Sichtanflügen sind die verringerte Arbeitsbelastung für Lotsen und Piloten, geringerer Treibstoffverbrauch (durch kürzere und direktere Anflüge) sowie eine gesteigerte Flughafenleistung. Sie erfordern jedoch erhöhte Aufmerksamkeit von Piloten, die nach Erreichen der Sichtverbindung die Verantwortung für Hindernisfreiheit übernehmen.

Regulatorische und wetterbedingte Voraussetzungen

Zur Gewährleistung der Sicherheit müssen sowohl regulatorische als auch meteorologische Voraussetzungen für einen Sichtanflug erfüllt sein:

  • Wetterminima: Die gemeldete Wolkenuntergrenze muss mindestens 1.000 Fuß über Grund (AGL) betragen und die Sichtweite mindestens 3 Meilen. Ist keine offizielle Wettermeldung verfügbar, kann die ATC auf Gebiets- oder Pilotenmeldungen zurückgreifen.
  • IFR-Flugplan: Nur Luftfahrzeuge mit aktivem IFR-Flugplan sind für Sichtanflüge zugelassen.
  • Positive ATC-Kontrolle: Der Anflug erfolgt stets unter ATC-Kontrolle. Eigeninitiierte Sichtanflüge ohne Freigabe sind nicht zulässig.
  • Visuelle Referenz: Der Pilot muss bei Freigaber erteilung den Flughafen, die Piste oder zugewiesenen Verkehr in Sicht haben und diese Referenz während des gesamten Anflugs halten.
  • Wolkenfreiheit: Das Luftfahrzeug muss während des gesamten Anflugs wolkenfrei bleiben.

Diese Anforderungen minimieren das Risiko von Kollisionen mit Gelände, Hindernissen oder anderem Verkehr – insbesondere in unbekannten oder komplexen Terminalbereichen. Sobald die visuelle Referenz hergestellt und die Freigabe erteilt ist, ist der Pilot für die Einhaltung der Hindernisfreiheit verantwortlich.

Aufgaben von ATC und Pilot

Aufgaben des Piloten

  • ATC sofort informieren, wenn ein Sichtanflug nicht möglich ist oder die Sichtverbindung verloren geht.
  • Visuellen Kontakt mit dem Flughafen oder zugewiesenem Verkehr aufrechterhalten.
  • Stets wolkenfrei bleiben während des gesamten Anflugs.
  • Sichere Staffelung zu anderem Verkehr gewährleisten, besonders bei Anweisung, einem anderen Flugzeug zu folgen (einschließlich Wirbelschleppenabstand).
  • Verantwortung für Hindernisfreiheit übernehmen nach Annahme des Sichtanflugs, außer anders durch ATC angewiesen.
  • ATC umgehend informieren, wenn ein Sichtanflug nicht fortgesetzt werden kann oder ein Durchstarten notwendig ist.

Aufgaben der ATC

  • Wetterbedingungen prüfen, bevor eine Sichtanflugfreigabe erteilt wird.
  • Freigabe nur erteilen, nachdem der Pilot den Flughafen oder zugewiesenen Verkehr in Sicht gemeldet hat oder sicher ist, dass der Pilot rechtzeitig Sichtkontakt herstellen wird.
  • IFR-Staffelung aufrechterhalten, bis der Pilot die visuelle Staffelung übernommen hat.
  • Piloten auf Wirbelschleppengefahr hinweisen, wenn sie schweren oder B757-Typen folgen.
  • An unkontrollierten Flughäfen: Den Piloten zum Wechsel auf die Beratungsfrequenz anweisen und den Radardienst beenden.
  • Verantwortung für Staffelung und Verkehrshinweise beibehalten, bis der Pilot sie visuell übernimmt.

Verfahrensablauf: So läuft ein Sichtanflug ab

  1. ATC-Initiierung oder Pilotenanfrage: Die ATC kann einen Sichtanflug anbieten oder Piloten können diesen anfordern, wenn der Flughafen oder vorausfliegende Verkehr in Sicht ist und die Wetterminima erfüllt sind.
  2. Wetterüberprüfung: Die ATC bestätigt, dass die Wetterbedingungen die Mindestanforderungen erfüllen.
  3. Herstellung der Sichtverbindung: Der Pilot meldet, dass der Flughafen oder vorausfliegende Verkehr in Sicht ist.
  4. Freigabeerteilung: Die ATC erteilt die Freigabe, z. B. „D-ABCD, Sichtanflug auf Piste 28R freigegeben.“
  5. Anflugdurchführung: Der Pilot geht in die visuelle Navigation für die Landung über, hält die Sichtverbindung und bleibt wolkenfrei.
  6. Wechsel auf Beratungsfrequenz: An unkontrollierten Flughäfen weist die ATC den Piloten an, auf die CTAF zu wechseln; der Radardienst wird beendet.
  7. Landung oder Durchstarten: Der Anflug wird visuell abgeschlossen. Bei Durchstarten muss der Pilot wolkenfrei bleiben und mit der ATC koordinieren.

Kommunikationsbeispiele und Phraseologie

Pilot hat Flughafen in Sicht:

  • Pilot: „Anflug, D-EFGH, Flughafen in Sicht.“
  • ATC: „D-EFGH, Sichtanflug auf Piste 17 freigegeben.“

Verkehr verfolgen:

  • ATC: „D-IJKL, Verkehr ist eine Boeing 737 auf 5-Meilen-Endanflug, melden Sie Verkehr in Sicht.“
  • Pilot: „Verkehr in Sicht, D-IJKL.“
  • ATC: „D-IJKL, folgen Sie diesem Verkehr, Sichtanflug auf Piste 22 freigegeben.“

Unkontrollierter Flughafen:

  • ATC: „D-MNOP, Sichtanflug auf den Flughafen freigegeben, Wechsel auf Beratungsfrequenz genehmigt.“

Standardisierte Phraseologie ist essenziell für Klarheit und Sicherheit, besonders in verkehrsreicher oder komplexer Luftraumstruktur.

Sichtanflug vs. Kontaktanflug

MerkmalSichtanflugKontaktanflug
InitiierungATC kann anbieten; Pilot kann anfordernNur auf Pilotenanfrage; ATC darf nicht initiieren
Wetterminima1.000 ft Wolkenuntergrenze, 3 SM Sicht1 SM Sicht, wolkenfrei
Visuelle ReferenzFlughafen oder vorausfliegendes FlugzeugBodenreferenzen; Flughafen nicht erforderlich
WolkenfreiheitStets wolkenfrei bleibenStets wolkenfrei bleiben
FehlanflugKein veröffentlichtes Verfahren; Koordination mit ATCKein veröffentlichtes Verfahren; Koordination mit ATC
Rolle der ATCHält Staffelung bis Pilot diese übernimmtHält Staffelung; Pilot übernimmt Verantwortung für Hindernisfreiheit
VerwendungsfallVerkehrsfluss bei VMC unter IFR beschleunigenBeschleunigung bei marginalem VMC, nur auf Pilotenanfrage

Ein Kontaktanflug ist stärker eingeschränkt, nur auf Pilotenanfrage und in bestimmten Ländern (z. B. USA) möglich. Sichtanflüge sind die bevorzugte Option, wenn das Wetter es zulässt.

Anwendungsfälle und betriebliche Szenarien

  • Verkehrsreiche Terminalbereiche: Beschleunigt Ankünfte an großen Flughäfen bei gutem Wetter.
  • Mehrfach-Pistenbetrieb: Erlaubt flexible Staffelung und direkte Anflüge auf parallele oder sich schneidende Pisten.
  • Unkontrollierte Flughäfen: Ermöglicht den Übergang von ATC-Kontrolle zur lokalen Verkehrsabstimmung für IFR-Ankünfte.
  • Pilotenvertrautheit: Besonders geeignet, wenn Piloten mit Flughafen und Gelände vertraut sind.
  • Hoch-Altitude/Hoch-Energie-Anflüge: Erlaubt effiziente Sinkflugprofile und Energiemanagement für Jets.

Beispiel: Die ATC führt ein Luftfahrzeug auf die Gegenanflugseite, gibt die Anweisung „Melden Sie Flughafen in Sicht.“ Nach Rückmeldung erhält der Pilot die Freigabe zum Sichtanflug und manövriert visuell zur Landung.

Risiken, Fallstricke und Sicherheitsaspekte

  • Nicht stabilisierte Anflüge: Risiko überhöhter Geschwindigkeit oder Höhe, großer Sinkraten oder später Konfigurationsänderungen.
  • Visuelle Täuschungen: Nacht, geneigtes Gelände, Wasser oder schlechte Beleuchtung können Gleitweg oder Ausrichtung verfälschen.
  • Verlust der Situationswahrnehmung: Der Übergang zu visuellen Referenzen kann insbesondere an unbekannten Plätzen verwirren.
  • Wirbelschleppen: Zu dichtes Folgen schwerer Maschinen im Endanflug.
  • Hindernisfreiheit: Nach Annahme des Sichtanflugs ist der Pilot verantwortlich.

Sicherheitsmaßnahmen:

  • Stabilisierter Anflug spätestens ab 500 ft AGL bei VMC.
  • Nutzung von FMS, Autopilot und visuellen Hilfen wie PAPI/VASI zur Gleitwegkontrolle.
  • Instrumentenanflug bevorzugen bei Nacht oder an unbekannten Plätzen.
  • Klare und zeitnahe Kommunikation mit der ATC.

Best Practices und Tipps für Piloten

  • Instrumentenanflug im FMS laden: Auch bei Freigabe zum Sichtanflug als Backup-Navigation.
  • PAPI/VASI nutzen: Visuelle Gleitweg-Hilfen unterstützen einen sicheren Sinkflug.
  • 3° Gleitweg planen: 5 NM vor der Piste bei 1.500 ft AGL, 3 NM bei 1.000 ft, 1 NM bei 500 ft.
  • Frühe Konfiguration: Fahrwerk/Klappen früh ausfahren, um Energie zu managen und hohe Geschwindigkeiten zu vermeiden.
  • Bereit zum Durchstarten: Bei Instabilität oder Verlust der Sichtverbindung sofort Durchstarten und ATC informieren.
  • Verkehr und Wirbelschleppen beobachten: Sicherer Abstand ist einzuhalten.
  • Instrumentenanflug bei Nacht oder unbekannten Feldern bevorzugen: Reduziert das Risiko visueller Täuschungen.
  • Klar kommunizieren: Besonders bei Unfähigkeit, den Sichtanflug fortzusetzen.

Checkliste: Durchführung eines Sichtanflugs

SchrittHandlung/Hinweis
Wetter1.000 ft Wolkenuntergrenze und 3 SM Sicht bestätigen
Visuelle ReferenzFlughafen/Verkehr erfassen und halten
FreigabeSichtanflug-Freigabe erhalten und zurücklesen
NavigationInstrumentenanflug als Backup laden
Sinkflugplanung3–5 NM Endanflug bei 1.000–1.500 ft AGL anstreben
KonfigurationFahrwerk/Klappen früh ausfahren
GleitwegPAPI/VASI, FMS oder visuelle Hinweise nutzen
DurchstartbereitschaftBei Instabilität oder Sichtverlust durchstarten
ATC-KoordinationKommunikation wie erforderlich aufrechterhalten

Fazit

Ein Sichtanflug ist ein wichtiges IFR-Verfahren, das bei geeigneten Wetter- und Verkehrsbedingungen die betriebliche Effizienz, Flexibilität und Flughafenkapazität steigert. Es erfordert strikte Einhaltung der regulatorischen Mindestwerte, klare Kommunikation und erhöhte Situationswahrnehmung von Piloten und ATC. Durch das Verständnis der Risiken, Anwendung bewährter Verfahren und disziplinierte Anflugskriterien können Piloten und Lotsen die Vorteile von Sichtanflügen im modernen Flugbetrieb sicher nutzen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist ein Sichtanflug in der Luftfahrt?

Ein Sichtanflug ist ein von der ATC genehmigtes Verfahren unter IFR, bei dem Piloten vom Instrumentenflug zur visuellen Landung übergehen, sofern sie den Flughafen oder das vorausfliegende Flugzeug in Sicht haben und wolkenfrei bleiben. Dies vereinfacht die Ankunft und verringert die Arbeitsbelastung, wenn die Wetterbedingungen es erlauben.

Welche Wetterminima sind für einen Sichtanflug erforderlich?

In der Regel sind eine Wolkenuntergrenze von mindestens 1.000 Fuß über Grund und eine Sichtweite von mindestens 3 Meilen erforderlich, wie von ATC oder Pilotenmeldungen bestätigt. Der Pilot muss während des gesamten Anflugs wolkenfrei bleiben.

Worin unterscheidet sich ein Sichtanflug von einem Kontaktanflug?

Ein Sichtanflug erfordert, dass der Flughafen oder der Verkehr in Sicht ist und wird in der Regel von ATC angeboten, während ein Kontaktanflug nur vom Piloten angefordert werden kann (nicht von ATC angeboten wird), sich an Bodenreferenzen orientiert und lediglich 1 Meile Sicht und wolkenfreien Flug erfordert.

Sind Sichtanflüge an unkontrollierten Flughäfen möglich?

Ja. ATC kann IFR-Flugzeuge an unkontrollierten Flughäfen für einen Sichtanflug freigeben. Die Piloten wechseln dann auf die lokale Beratungsfrequenz, um sich selbst anzumelden und mit anderem Verkehr zu koordinieren.

Was sind die wichtigsten Pilotpflichten während eines Sichtanflugs?

Piloten müssen den Flughafen oder vorausfliegenden Verkehr visuell erfassen und halten, wolkenfrei bleiben, Hindernisfreiheit gewährleisten, einen sicheren Abstand (einschließlich Wirbelschleppenabstand) einhalten und die ATC umgehend informieren, wenn ein Sichtanflug nicht fortgeführt werden kann.

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