Überschießen

Aviation Safety Flight Operations Pilot Training Regulatory Compliance

Überschießen – Landen außerhalb des vorgesehenen Aufsetzpunktes

Definition: Überschießen im Flugbetrieb

Überschießen ist ein kritischer Sicherheitsbegriff in der Luftfahrt und beschreibt eine Landung, bei der die Räder des Flugzeugs erstmals hinter der festgelegten Aufsetzzone (TDZ) die Landebahn berühren. Die TDZ ist der einzige Bereich der Landebahn, der laut ICAO Annex 14 und FAA AC 91-79A für sichere, leistungsgeprüfte Landungen vorgesehen ist. Ein Aufsetzen hinter dieser Zone reduziert sofort die verfügbare Bremsstrecke und erhöht das Risiko von Bahnüberschreitungen und Überrollunfällen erheblich. Überschießen ist eine der Hauptursachen für Bahnüberschreitungsunfälle und gilt weltweit als vermeidbare betriebliche Gefahr.

Standard-Aufsetzzone (TDZ) und Betriebsparameter

Die Touchdown Zone (TDZ) ist definiert als die ersten 300 Meter (1.000 Fuß) oder das erste Drittel der Landebahn, je nachdem, was kürzer ist. Gekennzeichnet wird sie durch markante weiße „Anflugmarkierungsrechtecke“ und weiße Balkenpaare und dient sowohl Piloten als auch Leistungsberechnungen als Referenz.

  • Anflugmarkierung vs. Aufsetzpunkt: Die Anflugmarkierung ist ein optischer Anhaltspunkt für Piloten im Anflug. Das tatsächliche Aufsetzen erfolgt aufgrund des Flare-Manövers meist etwas dahinter. Ziel ist es, innerhalb der TDZ zu landen, nicht exakt auf der Anflugmarkierung.
  • Regulatorische Grundlage: Flugzeughandbücher, SOPs und Vorschriften gehen davon aus, dass das Aufsetzen in der TDZ erfolgt. Ist eine Landung in dieser Zone nicht sicher gewährleistet, ist ein Go-Around zwingend vorgeschrieben.

Ursachen und beitragende Faktoren für Überschießen

Das Risiko des Überschießens ergibt sich aus einer Kombination technischer, betrieblicher, menschlicher und umweltbedingter Faktoren:

  1. Überhöhte Anfluggeschwindigkeit: Bereits geringe Geschwindigkeitsüberschreitungen führen zu übermäßigem „Floaten“ und längeren Landestrecken. Ein Anstieg der Geschwindigkeit um 10 % erhöht die Landestrecke um 20 %.
  2. Unstabilisierter Anflug: Abweichungen von vorgeschriebener Geschwindigkeit, Sinkrate oder Ausrichtung führen häufig zu späten Aufsetzpunkten.
  3. Verspätetes/falsches Flare: Schlechte Flare-Technik oder Timing verursachen übermäßiges Floaten.
  4. Rückenwindkomponente: Rückenwind erhöht die Grundgeschwindigkeit und Landestrecke, wobei schon 10 Knoten Rückenwind etwa 21 % mehr Bremsweg verursachen.
  5. Nasse oder verschmutzte Landebahn: Wasser, Eis oder Schnee verringern die Bremswirkung drastisch. Die Landestrecke kann sich auf kontaminierten Flächen um 40 % bis über 200 % erhöhen.
  6. Flugzeuggewicht & Konfiguration: Schwerere Flugzeuge landen schneller und benötigen mehr Bremsweg; falsche Konfiguration (Klappen, Fahrwerk) erhöht das Risiko zusätzlich.
  7. Verspäteter/falscher Einsatz von Verzögerungseinrichtungen: Spätes Ausfahren von Bremsen, Spoilern oder Umkehrschub verlängert die Landestrecke um mehrere hundert Fuß.
  8. Menschliche Faktoren: Müdigkeit, Ablenkung, schlechte Kommunikation und Zurückhaltung beim Durchstarten.
  9. Umwelt-/Bahnfaktoren: Hohe Platzhöhe, Temperatur und Bahngefälle können die benötigte Landestrecke zusätzlich erhöhen.

Oft treten bei Überschießvorfällen mehrere dieser Faktoren gleichzeitig auf – was die Bedeutung von Disziplin im Flugbetrieb unterstreicht.

Betriebliche und sicherheitstechnische Auswirkungen des Überschießens

Das Landen außerhalb der TDZ reduziert kritisch die verfügbare Bremsstrecke, macht alle veröffentlichten Leistungsdaten ungültig und erhöht das Risiko exponentiell:

  • Verfügbare Bremsstrecke: Überschießen verringert direkt die verbleibende Strecke zum Anhalten und erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Bahnüberschreitung.
  • Risiko einer Bahnüberschreitung: Überschießen ist einer der Hauptfaktoren bei Landeunfällen weltweit, insbesondere an Flughäfen mit kurzen oder kontaminierten Bahnen.
  • Leistungsdaten ungültig: Alle zertifizierten Landedaten setzen das Aufsetzen innerhalb der TDZ voraus – ein Überschießen macht diese Berechnungen hinfällig.
  • Potenzielle Schäden und Verletzungen: Bahnüberschreitungen verursachen häufig erhebliche Flugzeugschäden und können zu Verletzungen oder Todesfällen führen.
  • Regulatorische/Versicherungstechnische Konsequenzen: Viele Behörden verlangen die Meldung von Überschießvorfällen, was sich auf den Versicherungsschutz auswirken kann.

Strikte Einhaltung stabilisierter Anflugverfahren und TDZ-Landekriterien ist für die Sicherheit unerlässlich.

Beispiele und Anwendungsfälle für Überschießen

  • Kommerzielles Beispiel: Eine Turboprop-Maschine setzt aufgrund überhöhter Geschwindigkeit 1.700 Fuß hinter der Schwelle auf einer 5.000 Fuß langen Bahn auf und überrollt das Bahnende.
  • Fallstudie: Citation 550 überrollt nach spätem Aufsetzen und verspätetem Einsatz des Umkehrschubs; die Untersuchung hob betriebliche Fehler ohne technische Mängel hervor.
  • SOP/Training: Moderne SOPs schreiben das Durchstarten vor, wenn das Flugzeug über die TDZ hinaus floatet.
  • Kurze/verschmutzte Bahnen: Schon geringe Überschüsse können auf kurzen oder rutschigen Bahnen zu Bahnüberschreitungen führen; Piloten müssen die TDZ-Kriterien briefen und einhalten.

Präventions- und Minderungsstrategien

  1. Stabilisierte Anflugkriterien: Anflüge müssen bis 1.000 ft AGL (IMC) bzw. 500 ft AGL (VMC) stabilisiert sein. Unstabile Anflüge erfordern ein sofortiges Durchstarten.
  2. Korrekte Geschwindigkeit und Konfiguration: Vref und vollständige Landekonfiguration sind strikt vor der TDZ einzuhalten.
  3. Exaktes Ansteuerungsbild: Anflugmarkierungen nutzen und die erwartete Flare-Strecke berücksichtigen.
  4. Rechtzeitiger Einsatz von Verzögerungseinrichtungen: Spoiler, Bremsen und Umkehrschub unmittelbar nach dem Aufsetzen einsetzen.
  5. Go-Around-Bereitschaft: Go-Around briefen und durchführen, wenn eine TDZ-Landung nicht sichergestellt werden kann – dies ist nicht verhandelbar.
  6. Leistungsbewertung: Bahnlänge, -zustand und erforderliche Reserven im Voraus bewerten.
  7. SOP- und Vorschrifteneinhaltung: Alle Verfahren und Vorschriften einhalten; regelmäßige Schulungen und Checks festigen diese Standards.

Verwandte Begriffe und Erklärungen

BegriffDefinition / Relevanz
Touchdown Zone (TDZ)Erste 300 m (1.000 ft) oder erstes Drittel der Bahn; alle Landedaten setzen das Aufsetzen hier voraus.
AnflugmarkierungMarkierte Rechtecke ca. 300 m hinter der Schwelle; optische Referenz für Gleitweg und Anflug.
LandestreckeStrecke vom Aufsetzen bis zum Stillstand; wird durch TDZ-Landung und sofortige Verzögerung minimiert.
FlareAerodynamisches Manöver vor dem Aufsetzen; entscheidend, um Float und Aufsetzpunkt zu kontrollieren.
LandedistanzVeröffentlichtes Bremsmaß vom Aufsetzen bis zum Stillstand, ausgehend von TDZ-Aufsetzen.
AFM/POHOffizielle Flugzeughandbücher mit zertifizierten Landedaten auf Basis von TDZ-Landung.
SOP (Standard Operating Procedures)Betreiberspezifische Vorgaben, die TDZ-Landungen und Go-Arounds bei Nichterfüllung vorschreiben.
Bahnüberschreitung/-überrollenVerlassen des Bahnendes oder -randes; Überschießen ist ein Schlüsselfaktor.

Häufige Fehler und Missverständnisse

  • Anflugmarkierung vs. Aufsetzen: Ziel ist nicht das exakte Treffen der Markierung, sondern das Aufsetzen knapp dahinter innerhalb der TDZ.
  • Überfloaten der TDZ: Überhöhte Geschwindigkeit oder schlechte Flare-Technik führen zum Überschießen – solche Anflüge niemals „retten“ wollen.
  • Verspätetes Go-Around: Nach Verlassen der TDZ ist ein sicheres Anhalten oft nicht mehr möglich.
  • Missachtung von Umweltfaktoren: Wind, Gefälle oder Kontaminierung werden oft nicht ausreichend in Leistungsberechnungen einbezogen.
  • Übermäßiges Vertrauen in Automatisierung: Automatisierung kann unstabile Bedingungen verschleiern; Piloten müssen wachsam bleiben.

Anwendungsfälle im Flugbetrieb

  • Flugausbildung: Ausbilder betonen die Gefahren des Überschießens, trainieren präzise Geschwindigkeit/Flare und bestehen auf Go-Around-Disziplin.
  • Crew Resource Management (CRM): Kommunikation und gegenseitige Kontrolle zur Einhaltung der TDZ stehen im Fokus.
  • Sicherheitsaudits: Daten zu Überschießtrends fließen in Korrekturmaßnahmen und Trainings ein.
  • SOP-/Checklistenerstellung: Maximale Aufsetzpunkte und Go-Around-Kriterien werden verbindlich festgelegt.
  • Leistungsberechnungen: Laufende Einschätzungen des Bahnzustands dienen der Anpassung von Landeplanung und Sicherheitsmargen.

Diagramme und visuelle Referenzen

Auswirkung beitragender Faktoren auf die Landestrecke:

FaktorZunahme der Landestrecke
10 % überhöhte Geschwindigkeit+20 %
10 kt Rückenwind+21 %
Nasse Bahn+40–230 %
2 Sekunden Bremsverzögerung+400 ft

Mehrere kleine Fehler können die Sicherheitsmargen bei der Landung schnell aufzehren.

Schlüsselpunkte und Warnhinweise

Schlüsselpunk: Das Aufsetzen hinter der TDZ macht alle Leistungsdaten zur Landung ungültig und kann zu unzureichender Bremsstrecke führen.

Warnhinweis: Ist ein Aufsetzen in der TDZ nicht sichergestellt, sofort durchstarten – niemals einen langen oder unstabilen Anflug „retten“ wollen.

Quellen:

  • ICAO Annex 14, ICAO Doc 9870 (Manual on the Prevention of Runway Excursions)
  • FAA Advisory Circulars (z. B. AC 91-79A)
  • Flight Safety Foundation, ACRP Reports
  • Aircraft Flight Manuals (AFM), Betreiber-SOPs

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Häufig gestellte Fragen

Was ist ein Überschießen bei der Flugzeuglandung?

Ein Überschießen tritt auf, wenn ein Flugzeug außerhalb der vorgesehenen Aufsetzzone (TDZ) auf der Landebahn aufsetzt – dem einzigen Abschnitt, der für eine sichere und leistungsgeprüfte Landung vorgesehen ist. Das Landen hinter dieser Zone verringert die verbleibende Landebahn zum Stoppen und erhöht das Risiko einer Bahnüberschreitung oder eines Überrollens erheblich.

Worin unterscheidet sich Überschießen von Unterschießen und Go-Around?

Überschießen ist das Landen hinter der vorgesehenen Aufsetzzone, während Unterschießen das Landen vor der Landebahnschwelle bezeichnet. Ein Go-Around ist, wenn der Pilot den Landeanflug vor dem Aufsetzen abbricht, meist aufgrund eines unstabilen Anflugs oder unsicherer Bedingungen.

Warum ist das Landen innerhalb der Aufsetzzone entscheidend?

Das Landen innerhalb der TDZ stellt sicher, dass dem Flugzeug genügend Landebahn zur sicheren Verzögerung und zum Anhalten zur Verfügung steht. Alle veröffentlichten Landedaten und regulatorischen Standards basieren auf dem Aufsetzen innerhalb der TDZ. Ein Überschießen macht diese Berechnungen ungültig und erhöht das Unfallrisiko.

Was sind häufige Ursachen für ein Überschießen?

Zu den häufigsten Ursachen gehören überhöhte Anfluggeschwindigkeit, unstabilisierter Anflug, falsche Flare-Technik, Landungen mit Rückenwind, nasse oder verschmutzte Landebahnen, hohes Flugzeuggewicht, verspäteter Einsatz von Bremsen oder Spoilern sowie menschliche Faktoren wie Müdigkeit oder Entscheidungsfehler.

Wie kann Überschießen verhindert werden?

Die Verhinderung von Überschießen basiert auf stabilisierten Anflugverfahren, strikter Kontrolle von Geschwindigkeit und Konfiguration, rechtzeitigem Einsatz von Verzögerungseinrichtungen, der Bereitschaft zum Durchstarten, falls eine Landung in der TDZ nicht gewährleistet ist, sowie konsequenter Einhaltung von SOPs und regulatorischen Vorgaben.

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